Von Michael Jungblut

Die Krisen des westlichen Währungssystems folgen einander in immer kürzeren Abständen. Früher lagen noch Jahre zwischen den Schwächeanfällen wichtiger Währungen wie Pfund, Franc und Dollar; dann waren es noch Monate, zuletzt nicht einmal mehr drei Wochen. Das Vertrauen in das 1944 geschlossene Währungsabkommen von Bretton Woods ist endgültig dahin. Die Krise des Dollar droht zur Dauererscheinung zu werden.

Doch nicht nur der Außenwert der Währungen ist keine feste Größe mehr. In allen Industrieländern wird das Geld auch von innen ausgehöhlt. Wo die Inflation nicht durch einen Preisstopp künstlich verdeckt wird, zehrt sie an der Kaufkraft.

In der Bundesrepublik – immer noch eines der stabilsten Länder der Welt – verlor die Mark in zwei Jahrzehnten 40 Prozent ihres Wertes. Wie bei den Währungskrisen hat sich auch bei der Inflation das Tempo in jüngster Zeit verschärft. Die gegenwärtige Preissteigerungsrate liegt zwischen sechs und sieben Prozent. Führende deutsche Wirtschaftswissenschaftler befürchten, daß sie am Jahresende bei über acht Prozent angekommen sein könnte.

Damit nicht genug. In der kurzen Pause zwischen den letzten Währungsunruhen wurde lauter denn je vom drohenden Ausbruch eines Handelskrieges zwischen den großen Industrienationen gesprochen. „Der dicke Knüppel“ ist in Washington zur gängigen Umschreibung der Handelsgesetze geworden, mit deren Hilfe Richard Nixon den Vereinigten Staaten zu einem „fairen Anteil am Welthandel“ verhelfen will.

Wenn Japan und die Europäische Gemeinschaft den amerikanischen Wünschen nicht nachgeben, sondern zu ähnlichen Waffen greifen, dann droht unter den Schlägen dieser dicken Knüppel das empfindliche Netz der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu zerreißen, das in den Nachkriegsjahren mit so viel Mühe geknüpft wurde. Ein Rückfall in den Wirtschaftsnationalismus der dreißiger Jahre wäre unvermeidlich – mit weitreichenden ökonomischen, sozialen und schließlich politischen Folgen.

Geht also die Periode der wirtschaftlichen Dauer-Prosperität zu Ende? Erschüttern nach einem Vierteljahrhundert nahezu ununterbrochener wirtschaftlicher Blüte und eines nie gekannten Massenwohlstandes erneut periodisch wiederkehrende Krisen das westliche Wirtschaftssystem? Diese Frage erscheint heute nicht mehr unberechtigt.