Eine Reduktion, die ins Allgemeine (statt ins Besondere, Spezielle) getrieben wird, landet schnell bei solchen Gemeinplätzen wie: „Alle Menschen sind sterblich“, „Die Welt ist schlecht“, „Der Mensch ist des Menschen Wolf“. Dürrenmatt als Dramatiker hatte schon immer das Allgemeine einer weltdeutenden Parabel vor Augen. Wenn er im „Besuch der alten Dame“ beispielsweise „Güllen“ sagte, meinte er auch die Welt schlechthin, seine Staatsanwälte („Ehe des Herrn Mississippi“) waren auch der Zustand der Gerechtigkeit an sich, seine Irrenärztin („Die Physiker“) war auch so etwas wie die Frau Welt persönlich, überpersönlich ...

Aber das Allgemeine, das als großes Muster gültig sein sollte, war auf dem Boden der Bühne dadurch fest verankert, daß Dürrenmatt seinen Stücken ein spezifisches Air gab, das sie daran hinderte, als Luftballons ins Unverbindliche zu entschweben. Der Ort Güllen, um beim Beispiel zu bleiben, war dann eben doch eine unverwechselbare Schweizer Kleinstadt, mit spezifisch deutschem Kulturbewußtsein („Hier hat Goethe übernachtet“), mit nachbarlicher Topfguckerei und einer Honoratiorenmoral des Neids und des Scheinwahrens.

Nun, da in Zürich die jüngste dramatische Hervorbringung Dürrenmatts vom Publikum ungeduldig, wenn auch ohne Verve (wie sie ein wirklich herausgefordertes Publikum produziert hätte) angebuht wurde, fragt man sich, was an dem „Mitmacher“ anders, schwächer ist als an Dürrenmatts Erfolgsdramen.

Denn: das Thema kann es nicht sein. Es ist unverwechselbar „dürrenmattisch“, im vorgeführten Mißbrauch des (zunächst freiwillig eingeschlossenen) Wissenschaftlers eine Variante der „Physiker“, in seiner Liebesgeschichte durchaus mit „Ein Engel kommt nach Babylon“ und der „Ehe des Herrn Mississippi“ verwandt, mit seiner Lust am Trivialen, kolportagehaft Verwegenen ohne weiteres auf den alten, weitergehegten Wedekind-Spuren, in der (äußerlich) dialektischen Dramaturgie, die wie ein Zwangs-Schach ihren Figuren immer verzweifeltere Züge abnötigt, den „Physikern“ und dem „Meteor“ gewiß ähnlich, denn auch hier gilt der Dürrenmatt-Satz, daß „eine Geschichte dann zu Ende erzählt ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“.

Das Scheitern des „Mitmachers“ liegt, glaube ich, daran, daß Dürrenmatt seit seiner „Play-Strindberg“-Skelettierung nur noch an allgemeinen Knochen, nicht mehr an speziellem Fleisch interessiert ist. Die Fabel hat, mit Mühe, noch schwache Anklänge an das amerikanische Gangstermilieu, sonst jedoch waltet eine Allgemeinheit, die die Figuren zu unverbindlicher Eindimensionalität verstößt.

Sie heißen Doc (der Wissenschaftler), Boß (der Gangster, noch ein Privatunternehmer), Cop (der Polizeichef) und Ann (die Geliebte). Doc ist während der Weltwirtschaftskrise, obwohl illustrer Genetiker, auf die Straße geflogen, hat als Taxifahrer Boß kennengelernt, der das Problem hatte, die Leichen seiner Straßenschlachten zu beseitigen. Doc erfand ihm eine spurlose Leichenvernichtung. Jetzt, wenn die Handlung einsetzt, sitzt er fünf Stockwerke tief im Keller und beseitigt Leichen. Aber schon kommt Cop, der Polizeiboß, und will (scheinbar) mitmachen beim Geschäft. Er verlangt fünfzig Prozent und Docs Beteiligung am Gewinn. Doc, der daraufhin für eine Stipvisite zu Charleys Bar an die Oberfläche fährt, verliebt sich dort in Ann, die (was er zu spät erfährt) die Geliebte seines Bosses (was sie nie ahnt) ist.

Erste Verwicklung: Doc, der ewige Mitmacher, muß die eigene Geliebte, um zu überleben, als Leiche auflösen, weil Boß ihm die hämische Illusion läßt, er habe sie zwar aus Eifersucht getötet, wisse aber nicht, mit wem ihn Ann betrogen habe. Weitere Drehung der Dürrenmattschen Schraube: er soll im Auftrag des Aufsichtsrates den reichsten Erben des Landes vernichten. Dieser Erbe ist Docs eigener Sohn (die Frau verließ ihn, als er ins Elend geriet), trotz seiner Milliarden ein glühender Anarchist, der den Präsidenten beseitigen lassen will.