Von Volker Hage

Seit etwa 1965 herrsche in Westdeutschland „unter den anspruchsvollen literarischen Erscheinungen“ eine „ausgesprochen antihumanistische Dekadenzliteratur“ vor. „Diese Literatur soll hier als Ausdruck und Bestandteil des Kunstzerfalls unter den Bedingungen des Imperialismus behandelt werden.“ So steht es in der Vorbemerkung eines Buches, das unlängst in der DDR erschienen ist –

Ursula Reinhold: „Antihumanismus in der westdeutschen Literatur“ – Situation und Alternative; Dietz Verlag, Berlin (Ost); 245 S., 6,– DM.

Die Autorin Ursula Reinhold hat mit dieser Arbeit promoviert und heute eine leitende Position in der Redaktion einer ostdeutschen Literaturzeitschrift inne.

Was ihr Buch so interessant macht: es ist einer der wenigen konkreten Versuche, den Maßstab marxistischer Literaturtheorie (so jedenfalls der Anspruch) an die zeitgenössische Literatur der Bundesrepublik anzulegen. Zwar gab es auch bei uns Ansätze (etwa im „Kursbuch“, im „kürbiskern“ oder „konkret“), aber entweder beschäftigte man sich nur mit Peter Handke oder mit allgemeinen Problemen, oder es blieb überhaupt bei Ansätzen.

Getreu dem marxistischen Grundtheorem, daß Überbauphänomene (also auch die Literatur) in direkter Abhängigkeit von der ökonomischen Basis stehen, beginnt Ursula Reinhold ihre Auseinandersetzung mit einer Untersuchung des westdeutschen Wirtschaftssystems, besser mit dem Versuch einer solchen Untersuchung. Denn was dabei herauskommt, ist recht verschwommen und sicher nicht der Gipfel marxistischer Analysekunst: „Die kulturhistorische Entwicklungsstufe des imperialistischen Systems ist durch die totale Herausschaffung des gesellschaftlichen Reichtums gekennzeichnet und demgegenüber durch eine völlige Entleerung und Verarmung des Individuums.“ Bedenklich schon die Wortwahl: Was, bitte, bedeutet etwa „Entleerung des Individuums“?

Ursula Reinhold unterscheidet drei westdeutsche Literaturen: Neben der erwähnten „antihumanistischen“ sieht sie noch eine „humanistische“ sowie eine „antiimperialistische“ Literatur. Die letzten beiden Spielarten betrachtet sie positiv. Zu den humanistischen Schriftstellern zählt sie Andersch, Böll, Enzensberger, Grass, Lattmann, Lenz, Nossack, Piontek und Walser. Als vorbildlich bestehen können davon allerdings nur Enzensberger und Walser, weil nur sie „eine grundlegende demokratische Umwandlung der Gesellschaftsordnung in der BRD für unumgänglich“ halten, wobei allerdings Enzensberger noch einmal eine Rüge einstecken muß, da seine Sozialismus-Vorstellungen erheblich von der SED-Parteilinie abweichen.