Von Carl-Christian Kaiser

Bad Godesberg, im März

Als die Nachricht aus Bergheim an der Erft bekanntgegeben wurde, lagen sich die Jungsozialisten in den Armen. Auf dem Parteitag des SPD-Bezirks Mittelrhein war der 32jährige Juso Günter Schlatter als Nachfolger von Karl Wienand, der durch die Pan-Inter-Affäre gebrandmarkt auf eine Kandidatur verzichtet hatte, zum Bezirksvorsitzenden gewählt worden. Mehr noch: 17 der 18 Delegierten, die den mittelrheinischen Bezirk auf dem Bundesparteitag in Hannover vertreten werden, seien, so hieß es, Genossen nach dem Geschmack der Jungsozialisten.

Wenngleich ein zeitlicher Zufall, wirkte die Erfolgsmeldung aus Bergheim wie eine Bestätigung jener selbstbewußten Zuversicht, die den Bundeskongreß der Jungsozialisten über weite Strecken beherrscht hat. Und da sie gegen Ende der dreitägigen Marathon-Debatten in der stickigen, hoffnungslos überfüllten Godesberger Stadthalle eintraf, als die erschöpften Delegierten sich in dem Wust der Anträge und Zusatzanträge verhedderten, war sie eine Art politisches Elixier. Für jene großen Fortschritte an der Basis, von denen der wiedergewählte Bundesvorsitzende Wolfgang Roth in seinem Rechenschaftsbericht gesprochen hatte, konnte es keinen besseren Beweis geben.

Die Fortschritte lassen sich schon rein statistisch belegen. Allein im letzten Jahr sind rund 500 neue Juso-Arbeitsgemeinschaften gegründet worden; 4000 sind es jetzt insgesamt, vor zwei Jahren waren es erst 2200. Was aber den Optimismus der Jungsozialisten vor allem beflügelt, sind die Erfolge, die sie, im Vorfeld des SPD-Parteitages von Hannover, auf lokalen und regionalen Parteitagen bei ihrem Feldzug gegen den Entwurf des Langzeitprogramms der SPD erzielt haben. Er wurde in Godesberg schlicht als Leichnam behandelt – und die Jusos können gewiß sein, daß ihm auch in Hannover niemand wieder Leben einhauchen wird. Friedrich Schepsmeier, Vorsitzender der Juso-Langzeitkommission, nannte das Programm verächtlich ein „technokratisches Lesebuch“, das die gegenwärtigen Machtverhältnisse lediglich fortschreibe und an antikapitalistischen Reformabsichten nicht die Spur erkennen lasse.

Befriedigung herrschte am Ende auch über den Verlauf der Diskussion mit den „Stamokap“-Vertretern in den eigenen Reihen. Zunächst schien es für die Jungsozialisten kein wichtigeres Thema zu geben, aber dies war nur das Ergebnis einer merkwürdigen taktischen Übereinstimmung zwischen beiden Seiten. Daß die Stamokap-Leute anfangs Redner um Redner ans Pult schickten, um das Treffen in ihrem Sinne zu beeinflussen und der schon vor dem Kongreß formulierten harschen Kritik des Juso-Vorstands an ihrer kommunistischen Theorien entlehnten Lehre Paroli zu bieten, war dem Vorstand gerade recht. Auch er wollte die Debatte, wollte sie auch gleich zu Beginn des Kongresses, um sich Klarheit über die Mehrheitsverhältnisse zu verschaffen – und um zu beweisen, daß sich die Jungsozialisten mit den Ultralinken im eigenen Lager kritisch auseinandersetzen.

Diese Rechnung ging auf. Alles Flibustiern half der Stamokap-Gruppe nichts; sie war hoffnungslos in der Minderheit. Der Beifall war eindeutig, den das Vorstandsmitglied Johano Strasser, ein strenger Theoretiker, der in die Fußstapfen Karsten Voigts als „Chefideologe“ der Jungsozialisten tritt – für seine Attacken gegen die Stamokap-Vertreter erhielt. „Diese Auseinandersetzung mit unseren roten Schafen“, so ein Delegierter nach der Debatte, „wird uns in der Partei nützen.“