Von Dietrich Strothmann

Damaskus, im März

Noch einmal kochte die Volksseele. Angefeuert von ihren Scheichs, den Ulemas, gingen die gläubigen Syrer erst in Hamah, dann in Homs, Aleppo und zuletzt auch in Damaskus auf die Straße. Sollte das Land wieder in den Studel des Staatsstreichs gezogen werden? Waren den frommen Fanatikern unter den Sunniten jene knapp zwei Jahre Ruhe, für die Präsident Hafez el-Assad gesorgt hatte, schon zuviel geworden? Auf Flugblättern, die Studenten der Damaszener Universität in dem Gewirr der Basargassen unter der Hand verteilen, wurde wieder einmal zum Sturz der Regierung aufgerufen: Weg mit den Alawiten!

Der ehemalige Luftwaffen-Kommandeur Assad, der im November 1970 in einem unblutigen Putsch die Macht in Syrien übernommen hatte, gehört zu der Minderheitssekte der muslimischen Alawiten – Herätikern in den Augen der Sunniten, die das Übergewicht im Lande haben. Zwei Wochen lang sah es fast so aus, als würde der „Löwe“ (Assad) in die Wüste gejagt. Panzer mußten auffahren, Soldaten die Rebellion mit Gewalt ersticken. Nach dem Sturm, der in den Moscheen angefacht worden war, meldeten libanesische Zeitungen vierzig Tote und über hundert Verletzte. Assad hatte noch einmal gewonnen – eine Atempause oder mehr?

Anlaß des Aufruhrs war die neue Verfassung, das erste „permanente Grundgesetz“ Syriens, seit die sozialistische Baath-Partei vor zwölf Jahren die Moslem-Herrschaft abgelöst hatte. Seitdem ist der Islam nicht mehr Staatsreligion. Um die aufgebrachten Gemüter der konservativen Gläubigen zu besänftigen, hatte Assad nachträglich in die Verfassung – sie besteht aus 157 Artikeln und wurde vom „Volksrat“, dem Parlament, Ende Januar bereits verabschiedet – einen Passus aufnehmen lassen, wonach der Staatspräsident ein Sunnit sein muß. Das gilt freilich erst nach sieben Jahren, denn so lange bleibt der Alawite Assad im Amt, jedenfalls gemäß der Verfassung, die von über 97 Prozent der rund zwei Millionen Wahlberechtigten in einem Referendum angenommen wurde. Aber keineswegs erhielt der Islam seine alten Rechte zurück. Das vertrüge sich nicht mit dem „demokratisch-sozialistischsouveränen Volksstaat“, wie Syriens offizieller Titel von nun an lautet – ein verwirrender Titel, wie so vieles verwirrend ist in diesem Land.

Syrien ist anders. Geschichte machte es in der Zeit seit seiner Unabhängigkeit von den Franzosen im Jahre 1946 vor allem durch seine internen Krisen und Konflikte, weniger durch seine außenpolitischen Abenteuer (die 1961 zerbrochene Union mit Ägypten) oder durch seine militärische Niederlage (im Sechstagekrieg 1967). Syrien war, bis sich Assad als Staatschef, Oberkommandierender, Baath-Generalsekretär und Präsident der „Nationalen Progressiven Front“ inthronisierte, nur ein anderes Wort für Rebellion, Putsch, Staatsstreich. Kein anderes arabisches Land erlebte in den vergangenen zehn Jahren so viele Umstürze. Syrien war ein politischer Vulkan, der in regelmäßigen Abständen ausbrach. Und immer war es das Militär, das für neue Eruptionen sorgte. Mal waren es linke gegen rechte Offiziere, mal rechte gegen linke; mal waren es, mit ihrer Hilfe, rechte Baathisten gegen linke, mal linke gegen rechte.

Auch heute regiert, wer die Armee, das Offizierkorps zumal, hinter sich weiß. In ihm sind die Alawiten, die es als Minderheit nur in der Militärkaste zu etwas bringen konnten, in der Überzahl. Also braucht dem Alawiten Assad nicht allzu-bange zu sein. Obendrein, führt sein Bruder Rifaatel-Assad als Oberst die 70. Panzerbrigade, jene seinerzeit von Nasser zum Schutz der Union eingesetzte Elitetruppe, die auch heute wieder als Garant des Gewählten fungiert.