Zum achtzigsten Geburtstag von Rolf Nesch, am 7. Januar 1893 geboren, seit 1933 in Norwegen ansässig, ist ein Band mit seinen besten Drucken erschienen, 63 Blätter aus den Jahren 1925 bis 1971 – das Fazit seiner Lebensarbeit.

Nesch ist primär Graphiker, einer der eigenwilligsten, ein Experimentator großen Stils. Er hat bei der Radierung angefangen und sich nicht lange mit der traditionellen Technik zufriedengegeben. Er hat neue Druckverfahren entwickelt, manchmal durch puren Zufall. Die Technik des "Durchätzens" entdeckte er aus Versehen: Die Säure hatte die Metallplatte durchfressen, und Nesch stellte fest, daß die Löcher dem Abdruck "Relief und eine stärkere Leuchtkraft gaben". Seine zufälligen und kalkulierten Erfahrungen und komplizierten technischen Manipulationen hat er schließlich in den "Metalldruck" eingebracht, bei dem er mit Kupferdrähten und Gazestreifen, mit ausgesägten und eingefärbten Formen arbeitet, die entweder aufgelötet oder lose auf die Platte gelegt werden. Daraus wiederum resultiert die Möglichkeit, die einzelnen Blätter einer Auflage zu differenzieren.

Nesch ist immer auch sein eigener Drucker, seine Blätter sind "Originalgraphik" im strengsten Sinne. Sie zu reproduzieren ist ein schwieriges und riskantes Unternehmen. Der Reliefcharakter der Metalldrucke, ihre Materialität läßt sich im Flachdruck nur andeutungsweise wiedergeben.

Das ist in dem neuen Nesch-Band (Propyläen Verlag, Berlin; 128,– DM) relativ gut gelungen, mehr kann man nicht erwarten.

In der Einleitung geben Alfred Hentzen und Wolf Stubbe eine fundierte Werkanalyse, die sowohl den Intentionen des Druckers wie den Qualitäten des Künstlers gerecht wird. Sie haben sich chronologisch in die Arbeit geteilt. Stubbe untersucht die Anfänge bis zur Emigration 1933, Hentzen behandelt, was seitdem in Norwegen entstanden ist.

Nesch war immer ein Außenseiter der Kunstszene, einer der großen Einzelgänger, isoliert, auf niemanden angewiesen, total unabhängig.

Gottfried Sello