Von Gunhild Freese

Deutsche Fernsehhändler nahmen die japanische Herausforderung an – sie konterten japanisch. Die Vorgeschichte: Ende Februar überraschte der Frankfurter Versandhändler Josef Neckermann mit einem transportablen Farbfernsehgerät des japanischen Elektrokonzerns Nippon Electric Company. „Sensationspreis“: 1148 Mark.

Die beunruhigten Fachhändler reagierten prompt. In ihren Schaufenstern erschienen noch billigere Angebote. Der Hamburger Radio- und Fernsehhändler Hugo Sonnenberg beispielsweise nimmt für ein Farbportable nur 1078 Mark. Die nach eigenen Angaben „größte Einkaufsorganisation Europas“ für Fernseh-, Radio- und Elektroeinzelhandel, die Stuttgarter interfunk, ließ schadenfroh mitteilen, Neckermanns Preis sei keineswegs „sensationell“. Der Billig-Apparat des deutschen Fachhandels kommt freilich auch aus Japan: von der Tokioter Sony Corporation.

Damit macht der fernöstliche Elektrokonzern mit seinem tragbaren Minifernseher KV 1300 E (33-Zentimeter-Bildröhre) innerhalb von acht Monaten zum zweitenmal Schlagzeilen. Dean schon im August letzten Jahres – noch rechtzeitig zum Käuferansturm auf die Farbkästen zu den Münchner Olympischen Spielen – hatten die Japaner ihren Sony KV 1300 E auf den deutschen Markt gebracht – zum Preis von 1598 Mark, fast 500 Mark billiger als deutsche Modelle.

Der japanische Start im Wettlauf um die deutschen Kunden kam der etablierten deutschen Konkurrenz nicht gerade gelegen. Die heimischen Hersteller hatten nach mehreren Preiseinbrüchen gerade Anfang des Jahres ihre Geräte etwas verteuern können. Die Branche reagierte auf den Sony-Coup mit begreiflicher Unruhe.

Ihre Rechnung hatten die Japaner allerdings ohne AEG-Telefunken gemacht. Der Frankfurter Elektrokonzern besitzt nämlich die Schutzrechte für das in der Bundesrepublik verwendete Farbfernsehsystem „PAL“. Die Sony Corp. freilich, die schon vor Jahren vergeblich um einen Lizenzvertrag bei der AEG nachgesucht hatte, kamen 1971 mit einem eigenen Empfangssystem nach Europa, das auf der sogenannten Trinitron-Röhre beruht. Während die Sony-Manager, die Überzeugung vertraten, ihr System habe nun nichts mehr mit dem AEG-System zu tun, beauftragten die Frankfurter Konzernherren ihre Anwälte, gegen Sony Klage zu erheben. Begründung: Verletzung der Schutzrechte. Die Klage ist freilich noch immer nicht entschieden. Möglicher erster Verhandlungstermin: im Mai dieses Jahres.

Die deutsche Sony GmbH in Köln ließ sich durch die ungeklärte Rechtslage in ihrer Verkaufspolitik jedoch nicht beirren. Mit einer großangelegten Werbekampagne (Slogans: „Die Mobilmachung“, „Viel Feind, viel Ehr“ und „Die Patent-Lösung“) setzte sie ihr Minigerät dem deutschen Fernseher ins rechte Bild: „ein brillanthelles, scharfes, kontrastreiches, intensives Bild“. In den ersten sechs Monaten nach dem Start wurden bereits 10 000 Geräte abgesetzt.