Von Karl-Heinz Wocker

London, im März

Am Tag der nordirischen Volksabstimmung war es wie an einem Tag im letzten Krieg: Als in Belfast die Bomben reihenweise losgingen und plötzlich die Nachricht kam, in London habe es ebenfalls Explosionen gegeben, zuckten die Nordiren nur mit den Schultern. Nun waren eben auch einmal "die andern dran". Diese Reaktion sagt mehr über die Lockerung der Bande zwischen Ulster und der Hauptinsel, als jedes Sezessions-Resultat der Abstimmung hätte ausdrücken können. Auch Terror schafft Traditionen.

Vor dem Old-Bailey-Gericht in London gab es an jenem Donnerstag einen Toten, in Ulster drei. Aber es war der eine, der die Schlagzeilen machte. Dennoch war die Abstimmung keine Nebensache. Man sieht nicht jeden Tag Wahllokale, die aussehen wie provisorische Bunker. Durch mehrere Reihen von Stacheldrahtverhauen und vorbei an einem Dutzend schwerbewaffneter britischer Soldaten, verstärkt durch Ulster-Polizisten, schlängelten sich in den umkämpften Bezirken von Belfast und Londonderry die Wähler. Sie kamen, um zu bestätigen, was man seit 1920 weiß: daß es in Nordirland mehr Protestanten als Katholiken gibt.

Das Resultat lag im vorhinein so fest, als wollte man in Belgien Wallonen und Flamen fragen, ob Französisch oder Holländisch die Hauptsprache sein solle. Daß aus einer Drittelminderheit der Katholiken je eine Mehrheit in der Abstimmung werden könne, war nicht zu erwarten. Im Wahllokal wurde einem von den Offiziellen gleich beruhigend versichert: Hier sei alles klar, hier stimme jeder "loyal" für die Krone. Andernorts wurde mit Stolz auf das Wahlregister verwiesen, auf dem so gut wie kein Name ausgestrichen war, weil "hier die ganze Gegend diese Farce nicht mitmacht".

In den Panzerfahrzeugen, die in der Nacht nach der Abstimmung die Stimmzettel zur zentralen Auszählung in die hermetisch abgeriegelte Floral Hall nach Belfast brachten, waren einige Urnen, die so leer waren wie am Morgen zuvor, als der Konvoi sie abgeliefert hatte. In Belfast bekamen sogar viele Wahlleiter gepanzerten Geleitschutz. Auf die knapp 600 000 Nordiren, die sich am Wahlgang beteiligten, kamen über 30 000. Soldaten und Ordnungshüter, für zwanzig also jeweils einer. Von London war ein Dutzend Abgeordnete herübergeflogen, um Wahlakt und Auszählung zu überwachen. 160 000 Nordiren – 16 Prozent der Stimmberechtigten – hatten die Briefwahl beantragt. Aber sie waren nicht etwa alle unterwegs. Ein Teil von ihnen zündete die Stimmscheine am Abend zuvor öffentlich an; andere hatten einfach Angst, auf dem Weg ins Stimmlokal zur lebenden Zielscheibe zu werden.

Dennoch ging die Rechnung der Minderheit nicht auf, es werde auch im protestantischen Lager viele Stimmenthaltungen geben. Am Ende hatten – durch den Boykott der Katholiken – nicht einmal die Hälfte aller Nordiren für den Verbleib bei Großbritannien gestimmt. Die Mehrheit begrub für einen Tag ihre Richtungskämpfe, den Streit zwischen Loyalisten und Sezessionisten. 90 Prozent der Protestanten sagte ja zum alten Bund mit England, auch wenn sie nicht wissen, wie man sich in London die Verknüpfung künftig denkt. 99 Prozent der Katholiken blieben zu Hause.

Nicht zu Hause blieben sieben Männer und drei Frauen. Sie reisten nach London, um dort auf ihre Weise den Tag der Abstimmung zu begehen – mit Bomben. Das jedenfalls behauptet die Polizei, die nach viertägiger Befragung Anklage gegen diese zehn erhob, die vor ihrem Rückflug nach Belfast und Dublin verhaftet wurden.

Um den über 240 Verletzten der Bombenanschläge zu helfen, brachen die streikenden Krankenhausangestellten ihren Ausstand ab. Unter den zehn Inhaftierten sucht Scotland Yard indessen nicht die Rädelsführer des Attentats. Anlage und Umfang der Aktion waren ohne örtliche Leitung nicht denkbar: Daß die IRA, die selbst blutigere Taten ungerührt für sich in Anspruch nimmt, diesmal die Verantwortung weder offiziell bejahte noch verneinte, hat zu der Vermutung geführt, hier habe eine Splittergruppe auf eigene Faust gehandelt.

Nordirland aber steht die eigentliche Krise noch bevor. Sie muß kommen, wenn in den nächsten zwei Wochen das britische Weißbuch erscheint; das die Zukunft der Provinz festlegt. Darin wird sicher vorgeschlagen, daß die protestantische Mehrheit nicht mehr wie bisher schalten und walten kann. Die Kontrolle der Sicherheitsorgane in Ulster wird in britischen Händen bleiben. Und nach ihrem einmütigen Bekenntnis zu Großbritannien haben die Protestanten dagegen auch kaum noch eine Handhabe. Ihr Sieg dauerte nur einen Tag.