Zu seinem Arbeitsjournal 1938-1955

Von Marcel Reich-Ranicki

Ist der Aufstieg des Bertolt Brecht in die Legende nicht mehr aufhaltsam? Jedenfalls läßt vieles, was über ihn unlängst aus Anlaß seines fünfundsiebzigsten Geburtstages gesagt und geschrieben wurde, dies befürchten.

Mit andächtigem Augenaufschlag und in salbungsvollem Tonfall hat man ihn vor den Fernsehkameras gefeiert. Und auch diejenigen, die ihn zwar einst mehr oder weniger gut kannten, aber sich damals von ihm mißbraucht und in heiklen Situationen im Stich gelassen fühlten, reden nun so, als wollten sie den Erwartungen der Studienräte von gestern entgegenkommen: Sie preisen seine Herzlichkeit, Hilfsbereitschaft und Brüderlichkeit, seine musterhafte Bescheidenheit und warme Menschlichkeit. Daß er ein Genie war, genügt ihnen nicht. Sie nennen ihn noch den Stillen, den Milden, den Gütigen, den Väterlichen. Mit Brecht zu sprechen: „nachbar, euren speikübel!“

Ist es denn so schwer, sich damit abzufinden, daß er – wie übrigens Kleist, wie Heine, wie Richard Wagner – ein nicht unbedingt sympathischer und vielleicht auch kein sonderlich edler Zeitgenosse war? Konnte einer, der sich oft genug als ein höchst raffinierter und mitunter skrupelloser Taktiker und Paktierer erwiesen hatte, jene gewinnende und einnehmende, nicht nur bewunderungswürdige, sondern überdies liebenswerte Persönlichkeit sein, die man uns jetzt offeriert?

Doppelte Selbstzensur

Müssen die Deutschen, frage ich mich, die Bilder ihrer großen Dichter immer so lange retuschieren, bis daraus die Vorbilder entstehen, mit denen zwar schlechten Lesebüchern, doch niemals guten Lesern gedient ist?