Nach Lappland der Bremse wegen. Volvo hatte zu einem Trip über den Polarkreis gebeten, Gelegenheit, sich auf Eis und Schnee von den Bemühungen um mehr Sicherheit zu überzeugen. Gebastelt wird an einer Bremse, die auf glattem Grund nicht blockiert. Daimler-Benz hatte vor kurzem das erste Zwischenergebnis vorgestellt, Volvo zog nach.

Mit Erfolg, wie man auf einem zugefrorenen See in Schweden ermitteln konnte. Mit dem Anti-Blockier-System (ABS) hielt der Wagen den ausgesteckten Slalomkurs ein, der Typ mit der konventionellen Bremse reagierte kaum auf gewünschte Richtungsänderungen und fegte die aufgestellten Hüte von der Fahrbahn.

Das Unternehmen, wer wollte das verlangen, gelang noch nicht perfekt. Der Bremsvorgang bei dem neuen System ist von gewissen zackigen Erschütterungen begleitet, ein sensibler Fahrer übertrumpft die Technik noch immer. Das gab der Chefideologe von Volvo am Ende der 700-km-Reise auch ohne Einschränkung zu, gab aber zu bedenken: „Volvo baut nicht für den idealen Fahrer, sondern für die alte Frau Meier.“ Was wiederum einleuchtet.

Zur Zeit sammeln 50 Wagen mit ABS-Bremsen auf dem Kontinent ein Jahr lang Erfahrungen, in der nächsten Produktionsstufe werden bei günstigen Prognosen 500 mit diesem System ausgerüstet, frühestens 1975 kann es in Serie gehen. Nicht nur Volvo schätzt den Aufpreis für Sicherheit auf etwa 1500 Mark,

Wie eine solche Bremse funktioniert? Sensoren fühlen die Radumdrehungen ab und senden Impulse an das elektrische Steuergerät. Signale werden an den Druckregler weitergegeben, der seinerseits die Bremsflüssigkeit steuert. Die Energiequelle stellt den Bremsdruck sicher. Hat sich in dieses System ein Fehler eingeschlichen, schaltet es sich automatisch aus und arbeitet wieder konventionell.

Diese Erfindung soll nicht zu tollkühnen Manövern in der Kurve animieren. Bei den Tests im hohen Norden reagierten die Wagen im Bereich von 50 Stundenkilometern durchaus sicher, jenseits dieser Grenze kann für einen kontrollierten Kurs keine Garantie gegeben werden.

In unseren Breiten mag ein solches Projekt nicht jedermann einleuchten, denkt man beispielsweise an die letzten milden Winter, in denen Spikes auf Rädern selten greifbaren Untergrund fanden. Es muß ja nicht gleich der Polarkreis sein, wo man ins Schleudern kommt. Wer allerdings erlebt hat, wie die Norweger und Schweden auf eislasierten Straßen im Powerslide durch die Kurven schlingern, ohne auch nur in das Vorstadium von Panik zu geraten, der ist von der Notwendigkeit der fast fanatischen Sicherheitsbemühungen von Volvo überzeugt – vor allem für die Mitteleuropäer und Amerikaner, nicht nur im Interesse der alten Frau Meier. Daß die Sieger der großen Rallyes fast ausschließlich nördlich des 60. Breitengrades leben, mag Beweis für den sportlichen Erfolg durch Anpassung sein. Wer täglich auf spiegelglatten Straßen fährt, den kann man natürlich nicht mehr aufs Glatteis führen. „Technische Neuerungen bergen immer Risiken“, ist die Erkenntnis im Volvo-Management. Natürlich können nicht alle Pkw dieses Werks gleichzeitig mit der Anti-Blockier-Bremse ausgerüstet werden, und bei der Konkurrenz wird das Verhältnis ähnlich aussehen. Die unterschiedliche Bestückung aller Fahrzeuge wirft einen neuen Unsicherheitsfaktor auf die Straße. Bedenken, die über das Detail hinausgehen und den Wert des Autos grundsätzlich in Frage stellten, wurden allerdings vom Volvo-Brain-Trust aus verständlichem Eigennutz folgendermaßen zerstreut: „Wir können über alles reden, nur darüber nicht, ob wir das Auto völlig abschaffen.“