Aus den Sondermeldungen, mit denen der deutsche Buchkommerz in den letzten Wochen beschickt wurde, klingt es bald seelsorgerisch, bald militärisch: „... wer zu neuen Ufern siedeln will...“, „Wenn das Lkw-Geschwader ... vom Hof der Druckerei ist, dürfen die 22 Mitglieder eines Sonderstabs aufatmen...“

Der rhetorische Aufwand gilt einem wohlvorbereiteten Coup, auf dessen Grundidee – soviel muß man ihr lassen – das Attribut clever genau paßt. Auf diesen Einfall mußte man kommen.

Wer am 17. März oder später eine Buchhandlung betritt, dessen Blick könnte auf einen „verkaufsaktiven Ständer“ fallen. Auf ihm liegt etwas, das allem Anschein nach eine neue Literaturzeitschrift ist, ein „echt professionell“ wirkendes Literaturmagazin mit dem Namen „buch aktuell“, 92 Seiten stark, aufwendig, zum Teil farbig gedruckt, abwechslungsreich aufgemacht (Storys über Bücher wechseln mit Interviews, Personalien, „Facts“, Buchauszügen auf eingefärbtem Papier, natürlich auch mit Verlagsanzeigen): in Äußerem und Stil die Wurzel aus „Spiegel“ mal „Capital“, nur daß es von vorn bis hinten von Büchern handelt. Das Hochglanzstück: es liegt da auf seinem verkaufsaktiven Ständer und darf doch ganz umsonst mitgenommen werden. Das aber hat seinen Grund.

Was sich nämlich als reguläre Zeitschrift anbietet, bestehend aus Anzeigen und redaktionellem Text, ist – um es deutlich genug zu sagen – eine einzige Werbebroschüre. Genau das war die clevere Idee: eine Kollektion bezahlter Werbetexte graphisch so anzuordnen, daß der Eindruck einer regulären Zeitschrift entsteht. 92 Seiten Werbefläche, dadurch attraktiv gemacht, daß sie ihr Geheimnis verschämt hütet. Nur ein vager Fingerzeig im allerkleinsten aller verfügbaren Schriftgrade (Perl) unten auf Seite 3: „Alle Beiträge gehen auf Informationen der Verlage zurück.“ Was mehr sein als scheinen soll: Es soll das Eingeständnis sein, daß das ganze Heft aus bezahlten Verlagsanzeigen besteht, jedoch nicht als ein solches erscheinen.

Der Urheber dieses glänzenden Tricks ist Bodo Harenberg, bislang Herausgeber des brancheninternen Informationsdienstes „buchreport“, der Buchhandel und Verlagswesen von Dortmund aus mit grundsoliden, allerdings auch äußerst zahmen Inside-Informationen versorgt, „buch aktuell“ ist für ihn der Schritt in die große Welt.

Das Pseudomagazin erscheint dreimal jährlich in einer Auflage von 600 000 Stück (normale Verlagsprospekte aus einem großen Verlag wie Rowohlt kommen höchstens 30 000mal unter die Leute). Es wird gratis von etwa 210 Buchhandlungen verteilt, die pro Heft selber 17 bis 40’ Pfennig bezahlen, je nachdem, wieviel sie abnehmen; 500 Hefte sind das mindeste. Sortimenter, die je nach Ortsgröße wenigstens 3000 bis 20 000 Hefte beziehen, erhalten auf der zweiten Titelseite einen Firmeneindruck und können sich die Exklusivität für ihren Ort sichern. So kommt es, daß zum Ärger vieler Buchhändler das Tarnerzeugnis in zahlreichen Städten, so in Hamburg, Düsseldorf oder Hannover, nur von einer einzigen Buchhandlung abgegeben wird, für die „buch aktuell“ wiederum namentlich wirbt – in den Presseanzeigen, mit denen das Magazin bei Erscheinen jedes Heftes von sich selber künden will.

Den Inhalt bestreiten, wie gesagt, die Verlage, die vierfarbige Seite zu 7000 Mark. Der Verlag, der einen PR-Text (wie der pseudo-redaktionelle Text sinnigerweise heißt) unterzubringen wünscht, muß mindestens auch 2/3-Anzeigenseite belegen. Verständlich, denn wenn alle Verlage nur PR-Texte wünschten, müßte der Magazincharakter leiden – wer würde schon einer Zeitschrift ohne Reklame trauen? Eine stilistische Bearbeitung der angelieferten PR-Texte behält „buch aktuell“ sich vor; daß den zahlenden Verlagen die Endprodukte jedoch vorgelegt werden, versteht sich. Die Auftragslage ist günstig: die 600 000 Exemplare des ersten Heftes sind durch Vorbestellungen bereits vergriffen, über 40 Verlage sind darin vertreten, die kommenden Werbeflächen fast ausgebucht.