Wie der Agrarmarkt durch Erfindung der „grünen Mathematik“ gerettet wurde

Ein 29 Meter langes Fernschreiben tickerte am 1. Februar von Brüssel nach Bonn. Auch in den anderen Hauptstädten der EWG-Mitgliedstaaten spieen die Fernschreiber Papierbänder gleicher Länge aus. Auf insgesamt 261 Meter Papier teilte die EWG-Kommission an diesem Tag den nationalen Verwaltungen mit, in welcher Höhe Ausgleichsbeträge im innergemeinschaftlichen Handel mit Agrarprodukten sowie Abschöpfungen und Erstattungen im landwirtschaftlichen Warenverkehr mit Drittstaaten während der nächsten Woche vorzunehmen seien. Sieben Tage später wiederholte sich das Schauspiel. Wiederum wurden 261 Meter Fernschreibpapier benötigt, um die Fiktion eines gemeinsamen Agrarmarktes aufrechtzuerhalten.

Im EWG-Hauptquartier Berlaymont in der Brüsseler Rue de la Lot weiß man indes diesem überbordenden Verwaltungsaufwand wenn schon nicht Vergnügen, so doch wenigstens Sinn abzugewinnen. „Wenn wir nämlich an den Grenzen gar nichts unternehmen“, so die Erklärung eines EWG-Beamten, „dann gäbe es überhaupt keinen innergemeinschaftlichen Agrarhandel mehr.“

Daran, daß die Eurokraten nun Woche für Woche gezwungen sind, ihre Rechenschieber zu bewegen, um für mehrere hundert landwirtschaftliche Erzeugnisse, die zwischen Frankreich und der Bundesrepublik, Italien und Holland, Dänemark und England hin- und hergehandelt werden, Ausgleichsbeträge festzulegen, ist die Währungskrise schuld. Ohne die nicht nur für Außenstehende kaum noch verständliche Zahlenakrobatik der EWG-Zentrale gäbe es heute zwischen den neun Mitgliedstaaten Verlagerungen von Warenströmen, die für die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft des einen oder anderen Landes schwerwiegende Folgen haben müßten.

Butter zum Beispiel wird derzeit in der EWG von den Interventionsstellen zum Preis von 186 Rechnungseinheiten (1 RE = 3,66 Mark) aufgekauft. Bietet ein französischer Händler Butter einer Interventionsstelle in Frankreich an, so erhält er den Gegenwert von 186 RE in französischen Franken. Lohnender wäre das Geschäft, wenn er seine Butter einer deutschen Interventionsstelle verkauft. Dort bekommt er für 100 Kilogramm 1180,76 Mark ausbezahlt. Wenn er diesen Betrag in Franken umtauscht, ist sein Erlös in Franken um 5,2 Prozent höher als bei der französischen Interventionsstelle. Um dies zu verhindern, werden an den Grenzen Ausgleichsbeträge erhoben oder gezahlt.

Das Geheimnis dieses Agrarpuzzles besteht darin, daß die Preise für Agrargüter in der EWG in Rechnungseinheiten ausgedrückt sind, wobei eine. Rechnungseinheit 0,88867088 Gramm Feingold entspricht: dem Goldgehalt des US-Dollars von der ersten Abwertung im Dezember 1971. Ändert sich der Wert einer EWG-Währung im Verhältnis zum Dollar und den anderen EWG-Währungen, so treten im Agrarbereich Verschiebungen ein, die das einheitliche Preisgefüge auseinanderbrechen lassen.

In der Bundesrepublik hätten daher nach den Mark-Aufwertungen von 1969 und 1971 die Agrarpreise fallen, in Frankreich nach der Franc-Abwertung von 1968 die Agrarpreise um den Aufwertungssatz steigen müssen.