Von Wolfgang Hildesheimer

Der heute achtundvierzigjährige New Yorker Zeichner Edward Gorey erfreut sich eines leicht esoterischen und subversiven internationalen Ruhms, wie er einem Mann zukommt, der sein Publikum mit viel Talent programmatisch im unklaren darüber läßt, woran es mit ihm und seinen phantastischen Bildergeschichten ist. Im deutschen Sprachbereich mit seinem reservierten Verhältnis zu Nonsens und schwarzem Humor muß ein solcher Künstler noch irritierender wirken; der Züricher Diogenes Verlag, der Gorey von Beginn an herausgab, ließ sich dadurch allerdings nie beirren – die Zahl der Gorey-Fans war immerhin groß genug. Als die ZEIT zu Silvester 1966 seine Ratgeber-Parodie „Das soeben entjungferte Mädchen“ und kurz darauf seine Bildgeschichte „Das Geheimnis der Ottomane“ druckte (zwei Geschichten, die die obszöne Phantasie des Lesers zum Narren hielten, indem sie so taten, als passierten viele wilde Sachen, während sich de facto weder im Text noch im Bild irgend etwas ereignete), entrüsteten sich viele Leser. Und als wir vor einigen Wochen auf der Humorseite in Fortsetzungen die Gorey-Geschichte „Die Kleinen von Morksrohlingen“ veröffentlichten, kamen ebenfalls verwunderte Anfragen und Protestbriefe, denen Adjektive wie makaber, pervers, irrsinnig überwogen. Im Grunde liefen sie alle auf die eine Frage hinaus: Lädt Gorey (der, nebenbei gesagt, mehrere hübsche Kinderbücher gemacht hat) den Leser dazu ein, mit ihm darüber zu lachen, daß Kinder zu Tode kommen? Ist es also unmenschlicher Humor? Ist es überhaupt welcher? Die Frage ist nicht uninteressant. Wir haben ihretwegen den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer gebeten, den Verfasser der „Lieblosen Legenden“, der Prosabücher „Tynset“, „Zeiten in Cornwall“ und „Masante“, den Büchner-Preisträger von 1966 und Übersetzer von Djuna Barnes, James Joyce sowie auch einiger Gorey-Geschichten, zu Beginn unserer neuen Gorey-Serie „Der Gott der Insekten“, die schwierige Kunst von Edward Gorey zu erläutern.

Eines der frühen Bilderbücher von Edward Gorey, „Das Geheimnis der Ottomane“, trägt den Untertitel „Ein pornographisches Werk“. Hinter dieser freimütigen Selbstbezichtigung steckt natürlich nicht nur die Falle für den prüden Schnüffler, sondern auch die Gewißheit, daß der differenzierende Betrachter den Geist der in diesem Wortlaut enthaltenen Parenthese aufgreife und den Witz ihres Gegenstandes unter dem entsprechenden Aspekt würdige.

Dieser Witz liegt in der Insinuation: Nur durch lasterhaft vielsagende Blicke aus den dunkelumrandeten Augen der dargestellten Figuren werden wir auf orgiastische Vorgänge hingewiesen, die jedoch außerhalb des Bildes stattfinden, während im Bild selbst nicht der geringste Ansatz einer auch nur sekundären erogenen Zone erscheint und auch der Text keinerlei Einzelheit verruchter Vorgänge suggeriert.

Gorey hat die Gabe, das Monströse, das Unheimliche, das schlechthin Unvorstellbare – daneben aber auch durchaus freundliche, Nostalgie erweckende Phantasmen – durch eine Art des Aussparens anzudeuten, die der Einbildungskraft einen weiten Raum zum Spielen läßt. In der Tat, eines seiner schönsten Bücher, „The West Wing“, zeigt beinah nur leere Räume, hinter deren angelehnten Türen es viele unheimliche Möglichkeiten gibt. Seine Handlungsabläufe sind demnach auf einer parallelen und mitunter völlig anderen rezeptiven Ebene weiterzuvollziehen als auf der Szene des vordergründig Dargestellten. Er zwingt den Betrachter, eine komisch-unheimliche (das englische Wort wäre „weird“), surrealistisch-viktorianische Bilderbuchwelt voller dick aufgetragener Laster und Leiden, ungereimter Vorgänge und Figuren in unsere heutige Welt zu transponieren und dabei die Moral oder die Unmoral der Geschichte didaktisch in ihren Kontrapunkt zu verkehren.

Das mag nicht jedermanns Sache sein; derer nicht, die ihre Fiktionen so „lebensnah“ serviert haben wollen, daß sie sich mit einem positiven Helden identifizieren können, und nicht jener, die den goldenen Humor mit seiner ehernen Lebenslüge der Trauer des schwarzen Humors vorziehen. Im Falle des „pornographischen Werks“ war es denn auch nicht die Sache des österreichischen Bundesministeriums für Inneres, das 1966 dieses „Druckwerk“ – unter anderem – zum „Straßenverkauf“ durch „Zeitungsverschleißer“ verbot, da es – unter anderen – durch „Reizung der Lüsternheit“ und „Irreleitung des Geschlechtstriebes“ den Betrachter „schädlich beeinflusse“. Das österreichische Innenministerium war also Gorey in die Falle gegangen, indem es die genau ausgesparte Obszönität in das Werk hineingedichtet hat, es sah das Fleisch hinter dem Geist: ein Ministerium mit Phantasie.

Der Fall jener ZEIT- Leser, die den „Kleinen von Morksrohlingen“ in die Fälle gegangen sind, liegt insofern ein wenig anders, als ihre Entrüstung eher einem Mangel an Phantasie entspringt: nicht dem weiterwuchernden, sondern dem ungenügenden Vollzug der Übertragung. Sie haben diese schemenhaften Wesen für das Abbild ihrer eigenen Kinder oder Enkelkinder gehalten, den dramatisch-düsteren Hintergrund für ihre eigene Welt, und sie haben die vorwiegend abstrusen Todesarten, denen diese Kleinen anheimfallen, an den Folterungen und Grausamkeiten unserer Zeit gemessen. Ehre sei ihrer Kinderliebe – Gorey teilt sie –, nur ist zu hoffen, daß sie ihre Humanität an einem geeigneteren Objekt aktivieren als an absurden Märchen. Ihnen sei mit gebührendem Nachdruck versichert, daß es Gorey nicht darum geht, eine Methodik roher Gewalt zu entwickeln, sondern darum, eine Welt ad absurdum zu führen, in der solcherlei Fiktionen die wahre Barbarei der Realitäten vertuschen.