Fünf Wochen nach Unterzeichnung des Vertrages – Andreas Kohlschütter berichtet aus Südvietnam

Saigon‚ im März

Das geschlagene Frankreich hatte hier einst mit klingendem Spiel und flatternden Fahnen seinen Abschied genommen. Am 10. April 1956, 97 Jahre nachdem die ersten französischen Truppen in Saigon gelandet waren, paradierten die roten und die weißen Kepis, Paras, Fremdenlegionäre und turbantragende marokkanische Schützen zum letzten Male durch die südvietnamesische Hauptstadt, bevor sie sich einschifften. Das Ende jener Ära wurde noch von Menschenmassen beschaut, bestaunt und – wie Chronisten berichten – auch beweint.

Heute ziehen die Amerikaner ab, aber sie kehren Südvietnam auf leisen Sohlen den Rücken, ohne Fanfaren und ohne Marschmusik, ohne Zeremoniell und ohne Tränen. Der Schutzschirm, den die Großmacht Amerika hier fast während zwei Jahrzehnten unter großem Kraftaufwand entfaltet hatte, wird eingerollt und möglichst unauffällig in den Schirmständer der Geschichte zurückgestellt. Kaum beachtet werden amerikanische Resteinheiten an irgendeine Rollbahn geschafft, um dort im Bauche eines C-130-Transporters zu verschwinden und den langersehnten homeflight anzutreten.

Zurück bleiben für vietnamesische Schuhnummern und Schrittlängen viel zu groß bemessene amerikanische Fußstapfen: ein mit US-Material und US-Waffen hochgezüchteter schwerfälliger Militärapparat, der von der eigenen Inkompetenz ebenso bedroht wird wie von einem viel wendigeren und anspruchsloseren Gegner – ein für industrielle Hochleistungen ausgestatteter Tiefseehafen an der Cam Ranh Bay mit einem leistungsschwachen und industriearmen Hinterland – Dutzende von modernen Düsenflugplätzen, die in die Sackgasse eines unterentwickelten Agrarlandes führen, in dem der Wasserbüffel vor dem Pflug noch den Schritt angibt – rund 100 000 Vietnamesen schließlich, die von den Amerikanern einst beschäftigt, angelernt und mit besonderen technischen Fähigkeiten ausgerüstet wurden und die heute größte Mühe haben, einen ihrem Können entsprechenden Job zu finden.

Angst vor Eintracht

Fünf Wochen nach der Unterzeichnung des Pariser Abkommens vom 28. Januar 1973 „über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam“ steht, von Saigon aus gesehen, eigentlich nur dies eine fest: Am Tage X plus 60, also Ende März, wird das amerikanische Militär-Engagement beendet sein. „Operation Countdown“ wird den letzten Gl, „Operation Homecoming“ den letzten Kriegsgefangenen nach Hause zurückgebracht haben. Damit erfüllt sich für Amerika die frohe Pariser Botschaft des „ehrenhaften Friedens“, für Vietnam dagegen bleibt alles in der Schwebe.