Drei Redakteure der ZEIT reisten Anfang 1964 in die DDR und veröffentlichten damals den ersten umfassenden Bericht über den anderen deutschen Staat: „Reise in ein fernes Land.“ Wir hatten gehofft, daß sich mehr daraus entwickeln könnte, ein Zeitungsaustausch, mindestens ein Artikelaustausch – der Beginn eines regelmäßigen Kontaktes. Es kam anders; der Kalte Krieg war noch immer zu kalt.

Für die ZEIT war es eine Selbstverständlichkeit, nach der Unterzeichnung des Grundvertrages die Akkreditierung eines Korrespondenten in Ostberlin zu beantragen. Der Antrag wird zur Zeit geprüft. Eine Entscheidung darüber soll uns laut Zwischenbescheid in Kürze mitgeteilt werden. Die Redaktion hält diesen Antrag auch nach der Veröffentlichung der neuen DDR-Verordnung „über die Tätigkeit von Publikationsorganen und deren Korrespondenten“ samt der ersten dazu erlassenen Durchführungsbestimmung aufrecht.

Nicht, daß die aus diesen Dekreten herauszulesende Definition des Begriffes „freier Information und Berichterstattung“ die unsere wäre. Dafür ist sie zu obrigkeitlich: Stasi liest mit. Da wird den Journalisten auferlegt, jegliche Verleumdung oder Diffamierung der DDR, ihrer führenden Persönlichkeiten und ihrer Verbündeten zu unterlassen und wahrheitsgetreu, sachbezogen, korrekt zu berichten. Das sind alles dehnbare Floskeln, die im Zweifelsfalle immer gegen kritisch beobachtende Berichterstatter gekehrt werden können. Aber wir wären bereit, es darauf ankommen zu lassen, wie wir uns auch der Genehmigungspflicht bestimmter journalistischer Vorhaben – in staatlichen Organen, volkseigenen Betrieben und Genossenschaften – unterwerfen würden.

Indessen gibt es in der Journalisten-Verordnung eine Klausel, die entweder die Ausgeburt eines ahnungslos perfektionistischen Bürokratenhirns oder aber eine Unzumutbarkeit darstellt: die Forderung nämlich, Korrespondenten dürften „keine böswillige Verfälschung von Tatsachen zulassen“. Was soll das heißen: zulassen?

Der Verdacht drängt sich auf, daß diese Klausel Korrespondenten für die Meinungsäußerungen ihrer Heimatredaktionen haftpflichtig machen soll. Falls aber wirklich die Absicht dahinter stünde, die Akkreditierung eines Korrespondenten als Hebel zu benutzen, um pauschal ein kommentatorisches Wohlverhalten seiner Zentrale gegenüber der DDR und ihren Verbündeten zu erzwingen, so wäre die Entsendung eines eigenen Mannes nach Ostberlin nur um den Preis journalistischer Selbstentäußerung zu erkaufen. Dieser Preis ist in jedem Falle zu hoch.

Daher wäre es gut, die DDR-Behörden stellten bald klar, daß es so nicht gemeint war, nicht gemeint sein konnte – und nicht gemeint sein durfte, wenn denn der Journalistenaustausch nicht schon im Vorfeld der Verwirklichung verkümmern soll. Th. S.