Eine Diskussion der heftig umstrittenen hessischen „Rahmenrichtlinien für den Deutschunterricht“

Wieder einmal ist der Deutschunterricht ins Gerede gekommen. Diesmal diskutieren jedoch nicht nur die Fachvertreter, sondern vor allem die Politiker; Deutsch ist ein Politikum geworden.

Entzündet hat sich der Konflikt an den hessischen Rahmenrichtlinien für die Klassen fünf bis zehn aller Schularten (Sekundarstufe 1). Kultusminister Ludwig von Friedeburg, SPD, hatte für 27 Fächer neue Lehrpläne erarbeiten lassen, und alle maßgeblichen Organisationen der Lehrer, Eltern und Schüler hatten in irgendeiner Form daran mitgewirkt und waren einverstanden, daß sie ab September 1972 ein Jahr lang freiwillig im Unterricht erprobt werden sollten.

Da meldeten sich plötzlich Anfang Februar Vertreter der mitregierenden FDP, die – wie sie versichern – die Richtlinien bis zum Tage ihres Erscheinens nicht gesehen hatten, mit massiver Kritik öffentlich zu Wort. Die Landtagsabgeordnete Sibylle Engel griff insbesondere die Deutsch-Lehrpläne scharf an: Sie „stellen schon im Ansatz, eine gefährliche Indoktrination der Schüler in marxistischen Kategorien, im Klassendenken und zur Intoleranz gegenüber anderen Gesellschaftsgruppen dar“. Gleichzeitig brachte die FDP eine große Anfrage zu den Deutsch-Richtlinien im Wiesbadener Landtag ein, die demnächst beantwortet wird.

Indoktrination zum Klassenkampf, das war der erste Vorwurf gegen die neue Konzeption des Faches Deutsch. Wie wenig davon bereits jetzt noch übrig ist, zeigt der Aufsatz von Dr. Werner Brans, ehemaliger Oberstudienrat für Deutsch in Wetzlar, ebenfalls FDP-Landtagsabgeordneter und maßgeblich für die parlamentarische Anfrage verantwortlich. Brans relativiert den ursprünglichen FDP-Ansatz erheblich, und auch die Fraktion ist inzwischen von der Klassenkampf-These abgerückt.

Von welcher Position die Verfasser der Richtlinien ausgehen und was sie beabsichtigen, erläutert Franz Hebel. Er war früher Oberstudienrat für Deutsch und Studiendirektor und lehrt jetzt als Didaktikprofessor in Darmstadt; er hat entscheidend an den gerade fertiggestellten Deutsch-Lehrplänen für die Oberstufe mitgearbeitet und gibt ein Lese- und Arbeitsbuch heraus, das der Konzeption der Rahmenrichtlinien weitgehend entspricht.

Diese Zeitung hat als eine der ersten über die Unterrichtsreform in Hessen durch die neuen Richtlinien berichtet: „Mehr Spaß beim Lernen“ (ZEIT Nr. 49/1972). Hier drucken wir nun die Beiträge von zwei unmittelbar Beteiligten, da die Diskussion um Inhalt und Funktion des Faches Deutsch über den aktuellen hessischen Anlaß hinaus eine zunehmend grundsätzliche Bedeutung zu gewinnen scheint. Die beiden Aufsätze, auch darin könnten sie für die Situation typisch sein, vermitteln allerdings den Eindruck, daß hinter den großartigen und zum Teil recht abstrakten Wortkaskaden die Standpunkte so verschieden auch wieder nicht sind. H. M.