Von Roll Zundel

Die öffentlich geäußerte Zufriedenheit mancher SPD-Führer über den Ablauf des Jungsozialisten-Kongresses ist schwer verständlich. Gewiß, die Jungsozialisten haben sich scharf vom bürokratisch-zentralistischen Sozialismus im allgemeinen und von der DKP im besonderen distanziert. Aber ebenso unbestreitbar ist auch, daß die tiefgehenden, grundsätzlichen Differenzen mit der SPD deutlicher geworden sind als je zuvor. Das Godesberger Programm jedenfalls ist in einigen entscheidenden Punkten nicht mehr Richtschnur für die Jungsozialisten.

Im Godesberger Programm erscheint, falls man es weitherzig genug interpretiert, der Marxismus gerade noch als eine der Wurzeln des demokratischen Sozialismus. Für die Jungsozialisten hingegen ist demokratischer Sozialismus überhaupt nur aus dem Marxismus erklärbar. Sie sind zwar keine Leninisten, aber Marxisten sind sie gewiß. Und während in der SPD die Marxisten immer noch eine kleine Minderheit darstellen, war unter den Delegierten des Juso-Kongresses niemand mehr zu finden, der auch nur im geringsten daran zweifelte, daß die Gesellschaft der Bundesrepublik durch den Widerspruch von Kapital und Arbeit geprägt ist und daß dieser Widerspruch nur durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel aufgehoben werden kann.

Von dieser marxistischen Gesellschaftsanalyse und den daraus abgeleiteten Forderungen lassen sich die Jungsozialisten nichts abhandeln. In Godesberg las man das noch anders. Gemeineigentum war im SPD-Programm nur dann vorgesehen, "wo mit anderen Mitteln eine gesunde Ordnung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse nicht gewährleistet werden kann". Das Programm von 1969 zielte auf eine Reform des Kapitalismus; die Jungsozialisten von 1973 gehen davon aus, daß dieses System nicht mehr reformfähig ist.

Die Jusos verzichten zwar jetzt auf die Vokabel von den "systemüberwindenden Reformen" und sprechen von "antikapitalistischen Strukturreformen". Doch dieser Unterschied ist ohne Bedeutung: Die Jungsozialisten akzeptieren SPD-Reformen nur insoweit, als sie der Beseitigung des Kapitalismus dienen. Da mag es zwar in der praktischen Politik manche Gemeinsamkeiten mit der Mutterpartei geben, aber die grundsätzliche Differenz bleibt. Die paritätische Mitbestimmung in den Unternehmen zum Beispiel, das Gleichgewicht von Kapital und Arbeit, ist für die Jusos als Ziel Vorstellung völlig indiskutabel; sie akzeptieren es nur als Vorstufe zum Sozialismus.

Diese Grundüberzeugung bestimmt auch die Haltung der Jusos zum Langzeitprogramm. Sie betrachten es als ein technokratisches Modell auf der Basis der bestehenden Gesellschaftsordnung, dem die kritische Analyse der Gesellschaft und der Wille zu ihrer Veränderung fehle. Während die Mehrheit der SPD, einschließlich der linken Mitte in der Partei, mehr Reformen wünscht als das Langzeitprogramm vorsieht, wollen die Jungsozialisten den grundsätzlichen Wandel. Die Trennungslinie zwischen radikalen Reformen und grundsätzlichen Veränderungen ist allerdings fließend und in der politischen Praxis oft nicht genau auszumachen.

In der Intention sind die Jungsozialisten weit radikalere Demokraten als der Durchschnitt der SPD-Politiker. Bei ihnen bricht immer wieder – schließlich hat sich die heutige Juso-Formation aus der studentischen Protestbewegung entwickelt – ein tiefsitzendes Mißtrauen gegen staatliche Institutionen und Parteien durch. "Basisarbeit" und "Selbstorganisation der Arbeitnehmer" sind die Schlüsselbegriffe für diese Tendenz. Die offizielle SPD spricht zwar auch viel von Demokratisierung, findet deren Ausdrucksformen aber zum Teil sehr lästig, zum Teil, soweit es sich um das imperative Mandat handelt, als unvereinbar mit der repräsentativen Demokratie. In dieser Frage sind die Jungsozialisten freilich von den leninistischen Parteien noch viel weiter entfernt als von denen des Bundestages. Ihren Hang zur Aufklärung und Fundamentaldemokratie hätte Lenin unter die linksradikalen Kinderkrankheiten gerechnet.