Blutige Stammesfehden lassen die ostafrikanische Republik Ruanda nach längerer Pause wieder in den Spalten der Weltpresse erscheinen. Zuerst hatte der staatliche Rundfunk im benachbarten Burundi Ende Februar von „sorgfältig vorbereiteten Massakern an unschuldigen und schutzlosen Menschen“ berichtet. Inzwischen hat das nördlich an Ruanda angrenzende Uganda 600 Flüchtlinge vom Stamm der Tutsi aufgenommen. Andere flohen nach Burundi, Tansania und nach Zaire (der frühere Belgische Kongo).

Bekannter sind die Tutsi unter dem Namen Watussi. Diese hellhäutigen, hochgewachsenen Hamiten haben einen Ruf als Rinderzüchter. Jahrhundertelang beherrschten sie Teile Ostafrikas; in Burundi dominieren sie noch immer, obwohl die erdrückende Volksmehrheit (9:1) aus den ackerbautreibenden Bahutu besteht.

Ruanda und Burundi waren früher eine Einheit, wie Holland und Belgien – auch annähernd gleich groß wie diese. Doch als die belgische Treuhandverwaltung das Land Ruanda-Urundi, ehemals Teil von Deutsch-Ostafrika, Anfang der sechziger Jahre in die Unabhängigkeit entließ, kam es zur Trennung der beiden Staatsteile – vor allem, weil die ethnische . Entwicklung unterschiedlich verlaufen war. Der eindeutigen Trennung der beiden Stämme im Norden und lange gewachsenem Haß stand eine stärkere Vermischung zwischen Watussi und Bahutu im Süden – und damit geringere ethnische Konfrontation – gegenüber.

Die Politik Ruandas zielt offiziell nicht auf Haß und Rache. Der Präsident und gleichzeitige Regierungschef Gregoire Kayibanda – seit der Unabhängigkeit 1962 im Amt – predigte der durch Wahlen noch unter belgischer Aufsicht an die Macht gelangten Bahutu-Mehrheit Toleranz und nahm sogar mehrere Watussi ins erste Kabinett auf. Doch die Leidenschaften der lange unterdrückt gewesenen neuen Herren brachen trotzdem in mehreren Terrorwellen hervor, vor allem 1963/64. Tausende Watussi kamen bei Massakern ums Leben, zehntausende flüchteten in die umliegenden Staaten. Zur Zeit reist Kayibanda im Land umher und fordert zur Mäßigung auf.

Indessen ist zwischen Ruanda und Burundi, den Afrika-Staaten mit der größten Bevölkerungsdichte (etwa 130 Menschen pro Quadratkilometer bei je 3,5 Millionen Einwohnern), ein Radio- und Pressekrieg im Gange. Die Herrschenden im Süden – in Burundi – sind die Beherrschten im Norden – in Ruanda –, wodurch das Verhältnis der Nachbarn zu einer Dauerspannung verhärtet ist.