Von Thomas B. Schumann

Ich las Alfred Döblins großen Chinaroman, Die drei Sprünge des Wang-Lun, und dachte mir, mit jugendlicher Überheblichkeit: ‚Das kannst du auch!‘ Die Heidelberger Doktorarbeit, halbwegs fertig, ödete mich an. So schrieb ich denn drauflos, erfand mir einen General im Baltikum, der sich, recht undramatisch, zum Diktator emporarbeitet. Ich hatte keine Ahnung, was sich da zusammenfand: Heldenverehrung (Alfred Döblin wurde ‚der kleine Kassenarzt‘ des fünften Kapitels) vermischte sich mit Kindheitserinnerungen und – etwas verspäteten – Pubertätsträumen.“ So’schreibt der Autor heute (im Nachwort) zu seinem 1927 erschienenen, jetzt „Im Fischernetz“ neuaufgelegten Erstling –

Hans Meisel: „Torstenson – Entstehung einer Diktatur“, Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 308 S., 20,– DM.

Das ist allerdings – so meine ich – ein bißchen zuviel Understatement. Denn es handelt sich bei „Torstenson“ um eine thematisch nach wie vor aktuelle und durchaus eigenständige Arbeit. Ihren Rang hatte man auch schon 1927 erkannt: Oskar Loerke war von „Torstenson“ sehr beeindruckt, S. Fischer druckte ihn sofort, Monty Jacobs gab ihm den Kleist-Preis, die damals wichtigste Literatur-Auszeichnung.

Das Buch erzählt, wie sich der „kleine schwedische Schullehrersohn Torstenson“ systematisch vom einfachen General zum allmächtigen Diktator im Baltikum hocharbeitet. Zug um Zug baut er seine Macht aus: von der Niederschlagung eines Arbeiterstreiks über die Ernennung zum Kriegsminister, den Aufbau einer eigenen Presse den Sturz der Regierung unter dem Kanzlei Gaubas, die Bildung eines Direktoriums bis zur absoluten Alleinherrschaft. Günstige Situationen und Konstellationen weiß er geschickt auszunutzen, so das gescheiterte Attentat des Anarchisten Lurje oder die Dummheit des dekadenten jungen Königs René, der sich bis zu seinem Selbstmord als Marionette mißbrauchen läßt. Vieler Menschen bedient sich Torstenson auf seinem Weg zur Macht, vor allem der ihm blindlings ergebenen Soldaten, seiner „blauen Legionen“, ferner finanzkräftiger Bank- und Industriekreise sowie weiter Teile des Bürgertums und der Jugend. Selbst einstige Gegner der Linken zieht er in seinen Bann. Sie alle beugen sich widerstandslos der Gewalt, dienen ihr und beten sie an. Nicht einmal in Torstensons engstem Mitarbeiterkreis wird sein kühl kalkulierendes Spiel durchschaut.

„Torstenson“ ist ein durch und durch politischer Roman. Eindrucksvoll zeigte Hans Meisel darin auf, wie sich politische Macht etabliert und wie eng Macht und Geld verflochten sind. Meisel will letztlich Macht als reinen, durch nichts legitimierten Selbstzweck entlarven.

Im nachhinein liest sich dies atemberaubende Buch wie eine glühende Vision der nur wenige Jahre später eingetretenen Geschichte. Wenngleich Meisel selber bestreitet, in Torstenson Hitler vorausgesehen zu haben, so lassen sich viele frappierende Parallelen – zumindest was den Aufstieg beider zur Macht angeht – nicht leugnen. Auch die passive, die Gefahr ignorierende, eine revolutionäre Entladung herbeisehnende und zur blinden Ergebung neigende Masse des Volkes ist dem Deutschland von 1933 vergleichbar. Eins unterscheidet Hitler und Torstenson jedoch: Torstenson „fehlt das Dämonische“, so daß er auch trotz seiner unumschränkten Machtfülle nicht dem Größenwahn verfällt und die Diktatur ad absurdum führt. Hitlers Hölle der Gaskammern und Städtebombardierungen konnte 1927 selbst ein Hans Meisel noch nicht vorausahnen. Da siegte die Realität über jede noch so starke Phantasie.