ARD, Sonntag, 11. März: „Forsyte-Saga, Teil VI – Der Freibeuter“

Als die Ansagerin Claudia Dören am Sonntag um 17 Uhr 25 die sechste Folge der Forsyte-Saga mit dem Hinweis ankündigte, man werde heute Zeuge eines Dramas sein, weil zwischen Irene Forsyte und Philip Bosinney eine Beziehung entstünde, die, wie Frau Dören in freier Rede bekanntgab, „mehr als verwandtschaftlicher Natur sei“, da breitete sich vor den bundesdeutschen Bildschirmen Betretenheit aus: Irene Forsyte mit Philip Bosinney verwandt? Hunderttausende von Zeigefingern huschten ratlos über die Ahnentafel einer englischen Mittelstandssippe; ein paar Sekunden lang bemächtigte sich Ratlosigkeit der Amateurgenealogen zwischen Konstanz und Kiel.

Dann aber (Jolyon-Jo und Helene hatten kaum die ersten Worte gewechselt) löste sich das Rätsel schnell: Irene, wie konnte man das nur vergessen, ist schließlich Soames Frau; Soames ist der Vetter von Jolyon-Jo, June ist Jolyons Tochter und die Verlobte Bosinneys; Bosinney, hier schließt sich der Ring, hat ein Verhältnis mit Irene. Man sieht, im Grunde ist alles ganz einfach, die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Irene und Philip bieten sich geradezu an, ein Blick auf den Stammbaum der Forsytes beweist: Hier verkehrt der Bräutigam der Nichte mit der Gattin des Onkels, oder, anders ausgedrückt, die Tante treibt’s mit dem Verlobten jener jungen Frau, zu deren Stiefmutter sie spätestens in der zwanzigsten Folge heranreifen wird.

So simpel ist die Geschichte. Mit dem Stammbaum vor Augen kann man der Handlung mühelos folgen ... und sich außerdem bei den Mitsehern durch kurze Regiebemerkungen Achtung verschaffen: „Der hier ist Jolyon der Jüngere natürlich, aber auch aus dem regierenden Zweig; die mit dem Hut heißt Helene, Jos zweite Frau und damit auch die erste Stiefmutter Junes.“

Freilich, das muß gesagt sein, kann es Augenblicke geben, in denen der Betrachter am Bildschirm mit Schrecken bemerkt, daß die genealogische Kenntnis allein denn doch nicht genügt, um zum vollen Genuß dieser vom Geist des Kapitalismus geprägten Chronik zu kommen; man muß auch die wichtigsten Schauplätze kennen (wer nicht weiß, wo Robin Hill liegt, tut besser daran, im zweiten. Programm die Eisspeedway-Weltmeisterschaft in Inzell zu verfolgen), man muß ein Gespür für den Symbolgehalt haben, der die Sätze dieser Bilderfolge so poetisch macht (nur Banausen können die Metaphorik der Worte verkennen: „Es scheint ein Gewitter aufzukommen!“), und man muß – vor allem! – die schriftdeutsche Synchronisation ins Mündliche zu transponieren verstehen: „Ich habe die Korrespondenz mit deinem Freund (Komma) dem Freibeuter (Komma) durchgesehen.“

Aber so groß die Mühen auch sind – die Darstellung familiärer Seelenkämpfe („Ich hasse dich, Soames!“) entschädigt reichlich für alle Gedankenarbeit im Dienste der Forsytes... und was die Lektüre des Buches angeht, so wird sie ein Kinderspiel sein, nach der siebenundzwanzigsten Folge. Wer von uns, Hand aufs Herz, hat nicht schon vergeblich den Sinn des Galsworthyschen Satzes zu enträtseln gesucht: „Am Morgen nach einer Nacht, in der Soames schließlich seine Rechte behauptet und wie ein Mann gehandelt hatte, frühstückte er allein.“ Jetzt wissen wir, wie das gemeint ist, und können den Rest des Abschnitts getrost überschlagen. Wir haben schließlich gesehen, was Soames in dieser Nacht mit Irene gemacht hat...

Armer Galsworthy: Während die Forsyte-Saga zeigt, wie eine Gesellschaftsklasse, das viktorianische Bürgertum, zerfällt, zeigt die nach der Forsyte-Saga gedrehte Bildschirmchronik lediglich den-Zerfall eines Romans. Momos