Von Ernst Dieter Schmickler

Etappenweise, so scheint es, nimmt der Pleitegeier Kurs auf die Kasse der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Was zunächst wie eine Rettungsaktion aussah, war offenbar nur ein Strohfeuer, das letzte Aufflackern eines Freudenfeuers. Seit 1968 die ersten Olympiasondermarken mit Zuschlagerlösen auf den Philatelistenmarkt kamen, führte die aus formal juristischen Gründen am 17. Mai 1967 gegründete Stiftung zur Förderung der Olympischen Spiele 32 563 000 Mark an die Stiftung Deutsche Sporthilfe ab. Zähneknirschend gehörten damals am Tisch des Postministers Richard Stücklen die Vertreter der Stiftung Jugendmarke e. V. und der Wohlfahrtsverbände direkt oder indirekt zu den Geburtshelfern. Während seit 1949 die Wohlfahrtsverbände aus Zuschlagerlösen der Wohlfahrtsmarkenserien rund 120 Millionen Mark auf ihre Konten bekamen, registrierte man bei der Stiftung Jugendmarke e. V. Eingänge von fast 53 Millionen Mark.

Kaum waren die Olympischen Serien des Jahres 1972 auf dem Markt, kam auch das Veto der einflußreichen Wohlfahrtsverbände, die den Sportlern kein Zubrot über das Olympische Jahr 1972 hinaus zubilligen wollten. Sie beriefen sich in ihren „Fürsorge-Appellen“ an den Bundespräsidenten, den Bundeskanzler und den Postressortminister nicht nur auf eine formal zutreffende Verabredung, die Sportserien nur bis 1972 zu gestatten. Da man den blieben. Gott“ nicht unmittelbar als Zeugen für sein aufrechtes tun heranziehen konnte, bediente man sich der Worte Seiner Eminenz, des Erzbischofs von Freiburg, der ebenfalls seine Sorge darüber bekundete, die zeitlich befristete Olympiamarke als ständige Sporthilfemarke weiterzuführen und damit von Behinderten, Kranken und alten Menschen eine Fortsetzung der Opfer zugunsten des Sports zu verlangen. So jedenfalls ist es in der Antwort der Bundesregierung auf Parlamentarische Anfragen der Abgeordneten Lothar Wrede (SPD) und Dr. Erich Riedl (München), CSU, zu lesen.

Gemeinsam gingen die Arbeiterwohlfahrt, der Deutsche Caritasverband, der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband, das DRK, das Diakonische Werk und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in Bonn vor. Den Bundespräsidenten ließen sie wissen: „Durch die Einschränkung der jährlichen Verkaufszeit der Wohlfahrtsmarken zugunsten der Olympiamarken sind in den genannten Jahren der Arbeit der freien Wohlfahrtspflege Millionenbeträge verlorengegangen. Behinderte, kranke und pflegebedürftige Menschen haben damit der Olympiade in Deutschland ein außergewöhnliches Opfer gebracht. Auch die Öffentlichkeit wird es verstehen, wenn wir uns auch hier zum Anwalt jener zwei Millionen Menschen machen, die unsere sozialen Dienste und Einrichtungen Tag für Tag in Anspruch nehmen.“ Der Bann war gebrochen, die Chancen der Sporthilfe, des Sozialwerks des Sports, auf dem Nullpunkt.

Bereits im September des vergangenen Jahres kündigte das Postministerium das Ende der Olympiabriefmarkenserie an. Springers „Bild“ signalisierte: „Sporthilfe am Ende.“ Sporthilfechef Josef Neckermann kurbelte an Postminister Lauritz Lauritzen und berief sich auf ein Versprechen von dessen Amtsvorgänger Georg Leber. Neckermann: „Tatsächlich hat Ihr Amtsvorgänger, Herr Minister Leber, der Stiftung Deutsche Sporthilfe zunächst als Übergangslösung für 1973 die Unterstützung durch eine weitere Zuschlagmarkenauflage zugesagt. Zu meiner großen Freude versprach auch der Herr Bundeskanzler anläßlich der Überreichung der Goldenen Schallplatte unmittelbar vor Beginn der Olympischen Spiele seine wohlwollende Einflußnahme.“

Des Konzernherrn Freude währte nicht lange, denn auch die Philatelisten mokierten sich über die Sondermarkenfülle am Sammlermarkt. In Anbetracht der prekären Situation für die Stiftung Deutsche Sporthilfe wurde der Olympia-Empfang des Bundeskanzlers Mitte Oktober zu einer Runde vorgeblicher Briefmarkenfreunde Unter dem Strich blieb die feste Absicht für eine zufriedenstellende Übergangslösung. Neckermann jubilierte: „Weder die Wohlfahrtsmarke noch die Jugendmarke sind vom Verkauf der Olympiamarken betroffen worden. Verstimmt war ich über die Polemik, mit der gegen die Sportbriefmarke argumentiert wurde.“

Tatsächlich glichen die Attacken der Wohlfahrts-Lobby der Verteidigung einer Monopolstellung, die freilich keinem noch so sozial ausgerichteten Verband zukommen kann. Der Telegramm- und Telexflut der Wohlfahrtsverbände Richtung Bonn und dem unsozial erscheinenden Argument, die Einnahmen seien durch die Olympiamarkenauflage gesunken, stehen die Einnahmen der Zahlen entgegen. Selbst im Jahr der ersten Olympiamarkenauflage stiegen die Einnahmen der Wohlfahrtsverbände 1967/68 von 9,7 Millionen auf 10,17 Millionen und erreichten 1972 knapp 13 Millionen Mark. Auch die Stiftung Jugendmarke hat ungeachtet der Olympiaserien eine ähnlich positive Einnahmeentwicklung zu verzeichnen. Allenfalls kann es sich um fixierte „Buchverluste“ für übersteigerte Erwartungen handeln.