Von Urs Jenny

In Frankfurt, vor ein paar Wochen, anläßlich seines Geburtstages, traten nacheinander mehrere rothaarige Damen in schwarzen Hosenanzügen vor die Fernsehkameras der Nation, um in mehreren Weltsprachen singend zu bekunden, daß Bertolt Brecht vor allem als Textdichter süßsaurer Evergreens sogenannte Unsterblichkeit erlangt habe, in denen die fleischliche Schwäche des Weibes Lebenswerk wird. Mancher war recht erschrocken darüber, wie schamlos und glatt da Brechts Lebenswerk in dem Schlagerrefrain „Ja, da muß man sich doch einfach hinlegen“ bilanziert wurde; aber kein Autor ist ganz unschuldig an dem, was seine Verweser mit ihm anstellen.

Schließlich hat er diese schönen Songs geschrieben, auch wenn er ansonsten die Urheberschaft an dem einen Stück, in dem sie stehen, sein Leben lang schamhaft verleugnet hat (weil dieses „Happy-End“ ein Mißerfolg war), und an die nachträgliche ideologische Rechtfertigung des anderen wohl mehr dialektischen Scharfsinn als an die Arbeit selbst gewendet hat. Eigentlich muß es ihn sehr gegrämt haben, daß von all seinen Werken das oberflächlichste, flüchtigste, eben diese genial hingeschluderte „Dreigroschenoper“, den größten Erfolg hatte.

Am besten gefiel in der Frankfurter Brecht-Weill-Hitparade die Italienerin Milva: weil sie, auch wenn sie mitreißend singt, sich keinen Augenblick auf der Melodie treiben läßt, sondern mit enormem Sinn für Rhythmusverschiebungen jede Phrase überscharf charakterisiert; und weil durch die ordinäre Kraft, mit der sie ihr Maul aufreißt und Refrains herausschmettert, die anarchische Aggressivität dieser Songs wieder wach, wieder hörbar wird. Milva, frech aufgetakelt als Spelunken-Jenny, ist der „Star“ in Giorgio Strehlers Mailänder Neuinszenierung der „Dreigroschenoper“, eine ihrer Sehenswürdigkeiten – und Strehler selbst behandelt sie so sehr als Star, daß er die große Ballade von der Seeräuber-Jenny Polly weggenommen und als reine Auftrittsnummer der Milva gegeben hat. Was mir, bei der Machart dieses Stückes, nicht illegitim erscheint, auch wenn es hier auf Kosten von Giulia Lazzarini geht, die das zickige und das verkitschte, das rührselige und das berechnende kleine Bürgermädchen Polly so genau, so reich an Details spielt und singt, daß ich diese Nummer (gewiß völlig anders) auch von ihr gern gehört hätte.

Strehlers Neuinszenierung der „Dreigroschenoper“ bedeutet die Verteidigung einer Legende, denn vor siebzehn Jahren hat Strehler die einzige Inszenierung dieses Stückes seit dem Krieg zustande gebracht, die, wie man so sagt, in die Theatergeschichte eingegangen ist – eine Inszenierung, die von Brecht selbst als rettende Erneuerung seines Werkes begrüßt wurde und auf viele späteren (besonders auf die im Berliner Ensemble), prägenden Einfluß gehabt hat. Theaterlegenden sind kaum überprüfbar. Ich war nicht dabei. Kenner versichern, diese neue, bewußt musicalhafte, bewußt kulinarische Inszenierung lasse Strehlers erste, sehr strenge, sehr orthodox „epische“ von 1956 weit hinter sich. Ich kann nur versichern: dies ist die genaueste, gewissenhafteste, einfallsreichste und theatralischste „Dreigroschenoper“, die ich mir vorstellen kann.

Und damit drängt sich leider ganz mächtig die Frage auf, inwieweit denn dieses recht gewissenlos zusammengezimmerte Stück solche Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit der Realisierung vertrage. Bei Strehler, der sich runde vier Stunden Zeit nimmt, um die Geschichte von Peachum und Polly, von Macheath und Tiger-Brown sorgfältig zu erzählen, fällt die „Dreigroschenoper“ (vielleicht mehr als in einer platt operettigen Hopplahopp-Inszenierung) auseinander: einerseits die witzigen kleinen Genrebilder, die am Faden einer arg dürftigen, kaum motivierten Bettler-, Ganoven- und Polizistengeschichte aufgereiht sind, andererseits die ingeniösen Musiknummern von Weill, die an Verve und Brisanz diese bescheidene Story weit hinter sich lassen.

Die einzig plausible Geschichte, so scheint mir, ist immer noch die zweihundertfünfzigjährige der „Bettleroper“ von John Gay: Da gibt es auf der einen Seite einen Großunternehmer namens Peachum, der die gesamte städtische Kriminalität organisiert, als Hehler betreut und in Ordnung hält, natürlich in bestem Einvernehmen mit dem Polizeichef, der am Gewinn beteiligt und zugleich als Gerechtigkeitshüter erfolgreich ist, weil Peachum alle unkorrekten Ganoven bei ihm denunziert; und da gibt es andererseits den dreisten Außenseiter Macheath, der sich um diese Unterweltsordnung nicht kümmert, sondern wild herumräubert und also notwendigerweise, als er sich nun auch noch an Peachums Tochter vergreift, in jedermanns Interesse liquidiert werden muß.