Durch einen neuen Wettbewerb sollen die Arbeiter ihre Produktivität steigern

Die Parteigenossin Hanna Dahs aus der Kammgarnspinnerei Glauchau arbeitet nach einem „persönlichen Plan“: Sie hat sich unter anderem vorgenommen, qualitativ einwandfreies Garn herzustellen und ihren Plan um 25 Tage vorfristig zu erfüllen. Sie will überdies nach der sowjetischen Neuerermethode der Genossin Nasarowa arbeiten, die Maschine pflegen, Ordnung und Sauberkeit am Arbeitsplatz halten und ständig allen Brigademitgliedern ihre Erfahrungen vermitteln. Der Genosse Franke, Dreher im Elbtalwerk Heidenau, will nach seinem persönlichen Plan die Arbeitsproduktivität um zehn Prozent steigern und die Kosten für Ausschuß und Nacharbeit um 30 Prozent senken.

Die Genossen Dahs und Franke sind Sozialisten, wie sie die SED sich wünscht. Folgsam sind sie dem Aufruf der Partei gefolgt, die Arbeitsproduktivität zu steigern und unentdeckte Reserven in der Produktion zu erschließen. So etwa nach dem Milchmädchen-Motto: „Ein Prozent mehr Arbeitsproduktivität erhöht das Nationaleinkommen um mehr als eine Milliarde Mark“ – als wäre es so einfach, bei jedem neuen Wettbewerb ein neues Prozent an Reserven zu erschließen.

An Wettbewerben ist nämlich kein Mangel in der DDR. So folgte auf den Wettbewerb zu Ehren des VIII. SED-Parteitages im Sommer 1971 eine Initiative, mit der die sozialpolitischen Beschlüsse wie Renten- und Mindestlohnerhöhungen aufgearbeitet werden sollten. Daran schlossen sich Verpflichtungen zu Ehren des 50. Jahrestages der Gründung der UdSSR an. Und als gegen Ende des vergangenen Jahres SED-Chef Honecker auf einer Tagung des SED-Zentralkomitees erklärte, der Schlüssel zum Erfolg sei die Steigerung der Arbeitsproduktivität, da war das Stichwort für neue Wettbewerbsinitiativen gegeben.

Denn nach einem „Jahr der Konsolidierung“ mit relativ langsamen Wachstumsraten, in dem unter anderem die in den letzten Jahren der Ulbricht-Ära entstandenen Disproportionen in der Wirtschaft beseitigt werden sollten, ist nun wieder eine raschere Steigerung der Produktion erwünscht. Auffällig bei den Wettbewerbsverpflichtungen der jüngsten Zeit ist es, daß nicht nur – wie in früheren Jahren – alle Anstrengungen von der Schwer- und Grundstoffindustrie ausgehen. An der Spitze der vielen Wettbewerbe finden sich jetzt auch Betriebe wie die Porzellanwerke in Kahla, der VEB Herrenmode Dresden oder das Wohnungsbaukombinat Erfurt. Das soll das Bemühen der SED verdeutlichen, die Versorgung mit Konsumgütern und Wohnungen in der DDR zu verbessern.

Die Verbesserung der Lebensverhältnisse, so meint das SED-Blatt „Neues Deutschland“, erwies sich „als starkes Motiv für hohe Leistungen.-Hier sind wesentliche Quellen für den kraftvollen Aufschwung des Wettbewerbs, der Neuererbewegung und der Gemeinschaftsarbeit zu suchen. Dabei entwickelten sich neue Züge sozialistischen Wetteiferns“. So habe sich eine „breite Bewegung der Arbeit nach persönlich- und kollektivschöpferischen Plänen“ entwickelt, die darauf gerichtet sei, die Arbeitsproduktivität zu steigern.

Wie sich so etwas entwickelt, das erläuterte der Genosse Siegfried Wetzig, Parteisekretär im VEB Kühlautomat Berlin, der SED-Zeitschrift „Neuer Weg“: „Als in der Presse die ersten Veröffentlichungen über den persönlichen Plan des Genossen Franke aus dem Elbtalwerk in Heidenau erschienen, studierten die Parteileitung, die Betriebsgewerkschaftsleitung und der Betriebsdirektor diese, um Antwort auf die Fragen der Werktätigen geben zu können.“ Ob die Werktätigen nun fragten oder nicht – Voraussetzung zur Entwicklung der persönlichen Pläne war, so Wetzig, „jedem Werktätigen in persönlichen Gesprächen die politische und ökonomische Bedeutung dieser Pläne bewußtzumachen“. Erfolg: Schon Mitte Januar gab es im VEB Kühlautomat 92 persönlich-schöpferische Pläne, „und fast täglich kommen neue hinzu“.