Die Franzosen – so sagen alte Frankreich-Kenner – kritisieren einander, daß es nur so kracht. Aber wenn ein Ausländer ihnen am Zeuge flickt, werden sie nervös.

Augenblicklich werden in verschiedenen Kinos von Paris drei verschiedene Teile ein- und desselben Films gezeigt, der den Titel trägt: „Franzosen – wenn ihr wüßtet...“ Es handelt sich dabei um historische Dokumentarstreifen, die von Gesprächen mit eingeweihten Persönlichkeiten und Personen unterbrochen, erläutert, entlarvt werden. Die Franzosen schneiden sehr schlecht dabei ab. „Pourquoi pas?“ sagte einer der Zuschauer zu mir, „c’est notre affaire.“

Vor einiger Zeit, nämlich anläßlich des 10. Jahrestages der deutschfranzösischen Freundschaft, ist nun den Franzosen etwas Interessantes aufgefallen, und man hat auch in den Zeitungen darüber lesen können: Solange die Zeit der Nazis, der Gestapo und der SS nun schon vergangen ist – sobald in Filmproduktionen Mörder, Tyrannen und Folterknechte gebraucht werden, tauchen Männer in Verkleidungen auf, die leider einmal deutsche Uniformen waren. Dabei passiert es, daß auch das Bild vom deutschen Landser zum plumpen, blöden Muffel verfärbt wird. Solche Filme, die häufig amerikanischer Provenienz sind, werden nicht selten im französischen Fernsehen gezeigt, wo sie nach meiner Erfahrung zweierlei Wirkung tun: Deutsche Gäste vor dem Bildschirm fragen verblüfft, ob sie denn wahr sei, die deutschfranzösische Freundschaft. Französische Fernseher wissen meist ganz genau, daß es zweierlei Deutsche gibt: die einen, die in den Filmen vorkommen, die anderen, die man aus dem Alltag kennt. Dort die boches, hier Menschen, die nicht anders sind als „du und ich“.

In der französischen Rundfunkzeitung, auf die wir abonniert sind, stand jetzt ein kleiner Bericht, den man ähnlich gewiß auch in deutschen Zeitungen lesen konnte; zitiert wurde jedenfalls die Frankfurter Allgemeine. Aber der französische Text hat seinen eigenen Reiz.

Arthur Conte, der Generaldirektor des Fernsehens und des Rundfunks, habe die Korrespondenten der deutschen Zeitungen um sich versammelt, und da sei es stürmisch hergegangen. Die deutschen Journalisten hätten ihn gefragt, ob er nicht geneigt sei, de Richtung des Artilleriefeuers etwas zu korrigieren und dem Publicum ein harmonischeres Bild der Deutschen zu zeigen. Worauf Monsieur Conte erwidert habe, er hege keinerlei Haß gegen Deutschland, aber es sei sehr schwierig für ihn, das Programm zu ändern.

Wenn wir Deutsche, auch im Leben richtige Menschen sind, so müssen wir auf den französischen Fernsehschirmen offenbar noch etwas länger boches bleiben. „Dieser Zustand“, so sagte Conte im Text der Fernsehzeitung, „wird wahrscheinlich bis zum Jahre 1974 andauern.“ Als die Journalisten dem Fernsehgewaltigen dann vorgeschlagen hätten, bei künftigen Sendungen historischer Art für eine etwas objektivere Analyse zu sorgen, habe er kurz erwidert: „C’est notre affaire“ – das ist unsere Sache.

Er sagte also dasselbe, was ich im Kino über französische Kritik an französischen Dummheiten hörte. Aber Monsieur Conte hat doch wohl ausgedrückt: „Recht oder Unrecht – wir kritisieren euch, solange es uns Spaß macht, wenigstens aber bis ins Jahr 1974 hinein.“ Doch dies war sicherlich nur ein Schnitzer, wie er jedem Funk- und Fernsehmann passieren kann. Das Geheimnis liegt woanders. Entweder ist Conte durch Verträge mit Filmproduzenten und Verleihern noch ein bis zwei Jahre lang gebunden, und Vertrag ist Vertrag, oder er ist sparsam, und es reut ihn das Geld, die Lücke zu füllen. So wollen wir denn getreu dem deutsch-französischen Freundschafts- und Zusammenarbeitsvertrag unseren boche-Kopp noch zwölf bis sechzehn Monate lang ins französische Fernsehloch halten. C’est bien notre affaire à nous. Non?