Von Burkhard Bütow

Der Zeichentrickfilm war mit seinen liebenswert-harmlosen Viechern, Käuzen, Helden, Feen, Magiern und seiner märchenhaft heilen Welt das vorweihnachtliche Kinorefugium „für die ganze Familie“. Doch damit ist nun wohl Feierabend, denn der sanften Mickey Mouse, dem faschistoiden autoritären Kleinbürger Donald Duck, dem chaotischen Kaninchen Bugs Bunny und den Destruktionsorgien Toms und Jerrys ist ein ultrapotenter Konkurrent erwachsen: Fritz the Cat.

Der „schmutzigste Kater der Welt, voller Laster, revolutionär und’-für Kinder verboten“, wie ihn die Verleihwerbung treffend bezeichnet, ist ein Sudelvieh, ein Schlammkater, ein permanent geiler Heuchler, der durch eine minuziös gezeichnete Großstadt-Undergroundszene streunt, von der Polizei gejagt, immer auf der Suche nach schnellem Lustgewinn.

Doch die rasenden sexuellen Kapriolen von Fritz dem Kater, die es den Zensoren schwer machten, den Film freizugeben, dürften allenfalls bildungsverschworene Comic-Gegner befremden. Das ausschließlich jugendliche Publikum, das zur Zeit in ausverkauften Kinos Fritzens opulenten Schweinereien Ovationen bringt, kennt ihn und seine Abenteuer längst aus den Comic-Strips des amerikanischen Underground-Cartoonisten Robert Crumb.

Crumb, ein misogyner schwieriger Eigenbrötler, der heute mit seiner Zwei-Zentner-Frau zurückgezogen auf einer weltabgeschiedenen Farm in Kalifornien lebt, erfand die Figur Fritz bereits 1964, als er noch als Glückwunschkarten-Zeichner arbeitete und den ersten, noch vergleichsweise harmlosen Fritz-Comic im Eigenverlag herausbrachte. Schon bald erkannte das amerikanische Herrenmagazin „Cavalier“, ein mittelmäßiger „Playboy“-Verschnitt, die dollarträchtige Zukunft des kruden Katers und brachte Crumbs Comics auf den damals noch recht prüden Ladentisch. Fritz, der spätere Star des Undergrounds, verbrachte also seine Jugend als begehrtes Konsumobjekt eben jener Gesellschaft, die er in Crumbs Comics so lautstark attackiert: des männlichen leistungsorientierten Establishments. Fritz the Cat zu veröffentlichen, bedeutete für den „Cavalier“ durchaus ein ernst zu nehmendes Risiko, denn er verärgerte mit dieser Entscheidung den engherzigen, kleinbürgerlich-puritanischen Moralwächter über alle amerikanischen Comics, den „Code of the Comics Magazine Association of America, Inc.“ (CMAA). Diese Zensurbehörde war 1954 installiert worden, um einer Flut von schnell und billig produzierten Sex-, Crime- und Horror-Comics Herr zu wer-‚den und um dem ohnehin bei konservativen Pädagogen und Bildungspolitikern verhaßten trivialen Medium den Maulkorb anzulegen – ein. paralleler Vorgang zu den „Säuberungen“ – Hollywoods von unamerikanischen Elementen durch den Senator McCarthy und seine hearings.

Seit 1954 waren die Comic-Verleger gezwungen, ihre Produkte der CMAA vorzulegen, die sie nach einem 12-Punkte-Tabu-Katalog auf sexuelle Freizügigkeiten, Gewalttätigkeit, Respektlosigkeiten gegenüber der etablierten Autorität, Vulgaritäten und übertrieben dargebotene weibliche Rundungen hin kontrollierte. Und folglich gab es in den Jahren zwischen 1954 und 1967 bis auf einige grandiose Ausgaben des satirischen „MAD-Magazine“ und den intellektuellen Comic „Pogo“ von Walt Kelly nur die öde, von den Comic-Giganten „Marvel“, „Charlton“, „National Comics“ und ihren Top-Zeichnern Jack Kirby, Jim Steranko und Steve Ditko angesetzte Sauce aus Mythologie und Technologie. Superhelden wie „Fantastic Four“, „Superman“, „Batman“, „Mighty Thor“ und „Captain America“ lieferten sich in gleichnamigen Strips mit dem Segen des Comic-Codes pittoreske Titanenschlachten mit kosmischen Widerlingen. Diese formalästhetische Langeweile schrie geradezu nach Robert Crumb und Fritz the Cat.

Im Herbst 1967 gab Crumb seine erste, sofort beschlagnahmte Comic-Sammlung „Zap-Comix“ heraus und setzte nach mit „Snatch-“, „Motor-City-“, „Mr. Natural-“ und „Radical America-Comix“. Crumb bediente sich unzähliger Pseudonyme, zum Beispiel Crumbum, Krumwitz, Crumbski, Grubb, R. „the Queer“ Crumb und Steve Dictum, einer Parodie auf den oben erwähnten Ditko. Mit all dem löste er eine wahre Comics-Lawine aus. Die jugendliche Subkultur der amerikanischen Westküste hatte ihr Medium gefunden. Andere begabte Zeichner folgten Crumb: Gilbert Shelton, Erfinder des Superschweins „Wonder Wart Hog“, einer sadistischen Supermann-Travestie, und des skurrilen, jedoch arg unreflektierten Drogentrios „Fabulous Furry Freak Brothers“, gründete die „Ripp-Off Press“; Jay Lynch, Zeichner der „Felix“-Parodie „Nard n’ Pat“, eröffnete mit Skip Williamson den Autorenverlag „Bijou Publishing Empire“.