„Einsteins Erben“, Science-fiction-Geschichten von Herbert W. Franke. Unter den deutsch schreibenden SF-Autoren ist Franke, der auch die Weltraum-Taschenbücher bei Goldmann herausgibt, der prominenteste. Naturwissenschaftler von Haus aus, hat er eine Theorie der Science-fiction entwickelt, die sich in ihrem pädagogischen Ernst von anderen, mehr spielerischen Deutungen der Science-fiction erheblich unterscheidet. Franke schrieb in der von Eike Barmeyer herausgegebenen Anthologie „Science-fiction“ (Wilhelm Fink Verlag, München): „Mit den vielfältigen Konflikten, die der technische Fortschritt unvermeidlich mit sich bringt, setzt sich die Science-fiction auseinander. Sie tut das nicht mit dem Anspruch auf Prophezeiungen, sondern sie entwirft Modelle ... Im konkretisierten Modell wird durchexerziert, welche Folgen bestimmte Maßnahmen hätten, wenn man sie erst einmal getroffen hat. Die Lehre, die daraus zu ziehen wäre, betrifft die Maßnahmen.“ Franke meint, die SF-Literatur sei, im Idealfall, „die einzige Quelle, aus der die breite Masse etwas über die dringenden Aufgaben der Zukunft erfährt“. Im Konflikt zwischen „Kunstanspruch“ und dem „Anspruch der Breitenwirkung“ entschiede Franke sich, wenn es denn sein müßte, für das letztere. Liest man nach diesem Aufsatz Frankes neueste Veröffentlichung, vierzehn SF-Geschichten unter dem Titel „Einsteins Erben“, dann entdeckt man einen viel raffinierteren Autor, als nach seinen theoretischen Äußerungen zu erwarten war. Zwar geht in einigen wenigen Fällen die Gleichung glatt auf, kommt als Ergebnis eine dicke Warnung heraus, aber die meisten Erzählungen lassen sich nicht so ohne weiteres auf den Begriff bringen, Fortschritt und Verarmung, Programmierung und Leidenschaft, Funktionieren und Denken, Wissenschaft als Steuerungsinstrument und als Religion: Auf solchen Gegensatzpaaren, dialektisch miteinander verbunden, sind fast alle Geschichten aufgebaut. Lösungen bieten sie nicht an, es sei denn, daß sie dem Leser den qualitativen Sprung suggerieren, der die Gegensätze auf einer anderen Ebene aufheben würde. Manchmal aber, und diese Geschichten sind am rührendsten, weichen Frankes Figuren schon der Fragestellung aus. Dann bleibt ihnen nur der Blick zurück – in unsere traurige Gegenwart. (Insel Verlag, Frankfurt; 170 S., 14,50 DM.)

’Wilhelm Roth