Wiesbaden

Der Ibersheimer Feuerwehrkommandant fürchtet für den „Fall X“ um die männliche Potenz seiner Kameraden. Die „Aktionsgemeinschaft für Umweltschutz Rheinhessen-Süd“ glaubt, ein „potentielles Risiko“ für die Trinkwasserreservoirs feststellen zu müssen, und die Weinbauern bangen um ihre Reben. Doch weder diese Ängste und Sorgen noch Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem hessischen Wirtschafts- und dem Umweltschutzministerium konnten die Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) bisher veranlassen, den Bau des größten Atom-Kernkraftwerks Europas in Biblis (Kreis Bergstraße) zu verlangsamen oder gar zu stoppen.

Während sich die Einwohner der idyllischen Gemeinde am hessischen Rheinufer schon längst daran gewöhnt haben, den Reaktor als Garanten für eine finanziell abgesicherte Zukunft zu betrachten, wird der Kampf der Reaktor-Gegner im weiteren Umland trotz des zügig fortschreitenden Baus immer heftiger und hektischer. In einem offenen Brief an den hessischen Ministerpräsidenten Albert Osswald forderten die Umweltschützer als Sofortmaßnahmen einen Baustopp des Kraftwerks, das vom kommenden Jahr an in einer ersten Ausbaustufe bereits 1200 Megawatt Elektrizität liefern soll – den täglichen Bedarf einer Zweimillionenstadt.

Nun sind nicht etwa Heimattümler, die – den täglich näherrückenden Produktionsbeginn vor Augen – immer nachdrücklicher Schritte gegen den Atommeiler verlangen. Zu ihnen gehören vielmehr anerkannte Wissenschaftler, die einen Baustopp fordern, bis das von der Bundesregierung für 1976 angekündigte Sicherheitsprogramm vorliegt. Zu ihnen zählt auch der Freiburger Meteorologe Dr. Hans von Rudioff, der klimatische Veränderungen im unmittelbaren Bereich des Kraftwerks durch die starke Nebelbildung der Kühltürme befürchtet.

Mit der Parole „lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ ziehen die Umweltschützer gegen das ungeliebte Kraftwerk zu Felde, malen das Schreckgespenst einer erhöhten Kindersterblichkeit, der Förderung des Blutkrebses oder gar genetischer Schäden in die jetzt noch heile Landschaft. Bisher freilich vergebens.

Da die RWE sich nicht beeindrucken läßt, haben sich die Kernkraft-Gegner jetzt mit neuem Schwung auf ein anderes Opfer geworfen. Die Umweltschützer beschuldigen den hessischen Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry (FDP), er habe die Ungefährlichkeit dieses Kraftwerks ausgerechnet von einem Mitarbeiter seines Hauses prüfen lassen, der im Verwaltungsrat des Bauherrn sitzt. Karry bestreitet gar nicht, daß dies stimmt. Nur verwechselten die Umweltschützer, wie der Minister parierte, Ursache und Wirkung: Er habe ihn gerade in den Verwaltungsrat geschickt, um einen Mann an der Quelle der Informationen zu haben.

Vorläufig letzte Hoffnung der Bürgerinitiative ist jetzt Karrys sozialdemokratischer Ministerkollege Werner Best – unter anderem auch zuständig für den Umweltschutz. Best hatte vor gar nicht langer Zeit gegen den Bau eines Kraftwerks auf der bayerischen Seite des Mains protestiert. Nun solle er doch auch gegen Biblis protestieren. Doch Best schweigt – wohl in der Einsicht, daß es fünf Minuten vor zwölf zu spät ist, den Bau eines fast fertigen Atom-Kraftwerks noch abzubrechen.

Reinhard Voss