Von Michael Salzer

In der Schulküche wetteifern Buben mit Mädchen beim Pfannkuchenbacken. In Altersheimen gibt es Tanzunterricht. In Krankenhäusern will man mit künstlerisch dekorierten Sälen und Korridoren die Laune der Patienten verbessern. In Kindergärten spielen bärtige junge Männer mit den Kleinen. Es sind Wehrdienstverweigerer, die auf diese Weise ihren „Militärdienst“ tun. In Fabriken treffen sich Arbeiter und Manager in der gemeinsamen Kantine. Küche und Wohnung eines Bauern sind oft moderner als in der Großstadt.

All das können Sie selbst feststellen und überdies alle Einzelheiten darüber und noch vieles andere erfahren, wenn Sie nach Schweden kommen. „Lifeseeing“ ist ein neues Reisekonzept, das ausländische Touristen hinter die Kulissen des vielgerühmten und nicht minder umstrittenen Lebensmusters im Kielwasser der weitgehenden sozialen Reformen blicken lassen soll.

Neben den üblichen Ferienvergnügen, Baden, Angeln, Wandern und „sightseeing“ in Schlössern, Kirchen und Museen soll der Besucher auch die Menschen kennenlernen, ihre Lebensart und ihre Weltanschauung, ihr Heim, die Schulen, Industrien, Bauernhöfe, Fabriken und soziale Einrichtungen, die moderne Formgebung ebenso wie die traditionellen Volkstänze – mit anderen Worten all das, wofür Schweden in den letzten Jahrzehnten weltbekannt geworden ist.

Viele Schwedenfahrer haben derlei Studienbesuche in ihre Ferienreise eingebaut und konnten damit ihre Eindrücke vertiefen, die üblichen Klischees vom schwedischen Wohlfahrtsstaat aus eigener Erfahrung ergänzen. Sie bekamen Antwort auf die vielen Fragezeichen, die unablässig aufkommen, wenn man das „schwedische Beispiel“ diskutiert und auch wenn man als Fremder durch die Stockholmer Straßen wandert.

Im Vorjahr hat das Schwedische Institut in Stockholm mehr als 11 000 ausländische Besucher mit ihren hiesigen Berufskollegen in Kontakt gebracht und die gewünschten Studienbesuche vermittelt: In Atomforschungsanlagen ebenso wie in Werkstätten für Behinderte, auf Musterhöfen in Südschweden und in Papierfabriken und Forstrevieren im Norden, in Alkoholikerheimen und bei Bienenzüchtern. Einen Architekten, der sich für originelle Haustüren interessierte, hat man durch alte und neue Teile Stockholms geführt, damit er ungewöhnliche Fassaden photographieren konnte, einem Bauern, der Bohnenzucht studieren wollte, hat man einen Reiseplan entworfen, der ihn zu den wichtigsten Pflanzungen führte. Sozialarbeiter fanden Gelegenheit mit Experten die Ergebnisse verschiedener Behandlungsmethoden für Narkotikasüchtige zu besprechen und Kommunalpolitiker konnten sich über die Kosten der in Schweden so zahlreichen öffentlichen Kinderspielplätze informieren und die Sanierungsmethoden für verseuchte Flüsse und Seen studieren.

Schweden gilt als ein gut eingerichtetes Laboratorium für fortschrittliche soziale Experimente, und man ist hier bemüht, den Gästen aus dem Ausland die Erfolge und Mißerfolge zu demonstrieren, zu zeigen, was man aus den Fehlern lernen konnte und wie man versucht, es besser zu machen. Wer sich also für besondere Aspekte der sozialen Planung, der technischen Einrichtungen, des Schulwesens und so weiter interessiert, soll sich (vorzugsweise vier Wochen im voraus) anmelden: Das Schwedische Institut (Box 7072, S-10382 Stockholm 7) wird seine Studienbesuche kostenlos vorbereiten.