Stamokap – so lautet der Schlachtruf im Streit zwischen der Mehrheit und einer Minderheitsgruppe im Verband der Jungsozialisten. Die Auseinandersetzung spiele sich zwischen "Linken" und "Halblinken" ab, behaupten Vertreter der Stamokap-Minderheit, und es versteht sich fast von selbst, daß sie sich für die wahren Linken halten. Die Mehrheit hingegen begreift die Auseinandersetzung als Kampf zwischen den "bürokratischen Zentralisten" der Stamokap-Gruppe und den "demokratischen Sozialisten" der Mehrheit. Sicher ist zunächst nur so viel: Es ist ein Streit unter Marxisten.

Der Begriff "Stamokap" – ausgeschrieben bedeutet das Kürzel: staatsmonopolistischer Kapitalismus – ist freilich nur Anlaß, nicht Ursache des Streits. Stamokap ist die Chiffre für eine Theorie marxistischer Politökonomen, vor allem aus der DDR, die versucht haben, eine Reihe moderner Trends in den kapitalistischen Staaten auf einen begrifflichen Nenner zu bringen: fortschreitende Konzentration der Wirtschaft, wachsende unternehmerische Tätigkeit des Staates, Ausbau der staatlichen Steuerungsfunktionen in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Sie behaupten, damit habe der Kapitalismus eine neue Entwicklungsstufe erreicht, die durch eine gegenseitige Durchdringung von Monopolinteressen und staatlicher Macht gekennzeichnet sei.

Bis zu diesem Punkte ist vermutlich die Mehrheitsgruppe der Jungsozialisten mit dieser Analyse einverstanden. Dann aber beginnt der Nuancenstreit. Zwar wird dem Staat auch in der Stamokap-Theorie "relative Unabhängigkeit von den Tagesinteressen einzelner Monopole und Monopolgruppen" zugestanden, und es ist auch die Rede davon, daß die inneren Widersprüche des Kapitalismus in die Staatstätigkeit hineingetragen werden, aber im Endeffekt erscheint dann der Staat doch als eine Art Vollstrecker des Monopolkapitals. Damit jedoch werde der Staat "zum bloßen Instrument versimpelt", tadelt deshalb Johano Strasser, der Theoretiker der Juso-Mehrheit.

Freilich reden auch Mehrheits-Sozialisten ungeniert von der Herrschaft der Bosse in der Bundesrepublik. Mit anderen Worten: Diese Nuancen rechtfertigen nicht den Streit. Im Grunde geht es denn auch um etwas anderes. Was Mehrheit und Minderheit trennt, sind in Wirklichkeit die Fragen der Bündnisstrategie und der Demokratisierung – und beide stehen mit der Stamokap-Theorie nur in höchst loser Verbindung.

Noch einigermaßen erkennbar ist der Zusammenhang bei den Bündnisstrategien. Die Stamokap-Gruppe fordert ein "breites antimonopolistisches Bündnis", in das auch "Zwischenschichten", denen es an Klassenbewußtsein mangelt, mit einbezogen werden sollen, zum Beispiel die von den Monopolen bedrohten Kleinkapitalisten. Hauptaufgabe ist der Kampf gegen die Monopole. Bei der Stamokap-Gruppe geht es zunächst einmal darum, genügend Macht zu bündeln, um den Sozialismus durchzusetzen: die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Entmachtung der Monopolparteien.

Die Mehrheitsjungsozialisten scheuen vor solchen, rein machtpolitisch orientierten Bündnissen zurück (Standardargument: Die Lehrlinge werden von den Kleinkapitalisten noch mehr ausgebeutet als in den Großbetrieben). Sie legen mehr Wert auf die Bewußtseinsbildung. Sie fürchten, daß Sozialismus, auf das kleinbürgerliche Bewußtsein der Massen aufgepfropft, zur Diktatur pervertiert, weil gegen das Bewußtsein der Massen regiert werden muß.

Undeutlicher ist der Zusammenhang zwischen Demokratisierung und Stamokap-Theorie. Die Stamokap-Theoretiker, befragt nach ihren Vorstellungen von Demokratie, beschränken sich auf allgemeine Floskeln, die alles mögliche bedeuten können: Diktatur des Proletariats oder demokratische Selbstorganisation. Die Mehrheitsjungsozialisten aber wollen expressis verbis die "Selbstorganisation" als Kampfinstrument gegen den Kapitalismus wie als konstitutives Element einer sozialistischen Gesellschaft. Sie wollen den emanzipatorischen Weg zum Sozialismus, und die Überführung der Produktionsmittel in Gemeineigentum ist ihnen kein Ersatz für die Emanzipation. Auch wer ihre Ideen für falsch oder gefährlich hält, wird zugeben müssen: Sie stehen in der idealistisch-aufklärenden Tradition; sie wollen Demokraten sein. Die Stamokap-Gruppe dagegen glaubt offenbar nicht so recht an die Selbstorganisation der Arbeiterklasse. Die Kooperation von Führungskadern scheint ihr wichtiger zu sein als die Basisarbeit. Zumindest verschwindet das Problem der Demokratisierung völlig hinter dem Kampf gegen die Monopole; mit der Beseitigung der Monopole und der Monopol-Parteien scheint ihr der Demokratie Genüge getan.