ZDF, Sonntag, 11. Februar: „Start ins Glück“, Auftakt zur Lotterie „Glücksspirale 1973“

Endlich! Endlich die deutsche TV-Show, wie wir sie uns schon so lange wünschen. Endlich jemand mit dem Mut, sich über alles theoretische Gefasel von „Kein Geld“ und „Zu teuer“ hinwegzusetzen und weit über eine Million auszuwerfen, damit – endlich – neunzig Minuten lang massiert alle jene versammelt seien, die ansonsten immer nur einzeln bundesdeutsches Bildschirm-Glück verbreiten. Endlich die Möglichkeit, jene einmal als Schauspieler zu sehen, die bislang immer nur zeigen mußten, daß sie nicht singen können. Endlich auch einmal, umgekehrt, denen eine Gesangschance, wenn auch nur im Chor, die bis dato nur schwatzen durften, sei es, daß sie ihre politische Meinung in Moderationstexte zu verstecken, andere Zelebritäten zu „Ja“ oder „Nein“ zu animieren oder als Kommissare kauzig und als nicht unterzukriegende Mütter angeblich humorig zu sein hatten.

Da erkundigen sich denn Roy Black und Udo Jürgens bei Gisela Schlüter nach dem letzten Stand ihrer Schallplatten-Umsätze, leider waren die schlecht, aber jeder Zuschauer weiß jetzt, welchen Titel er kaufen muß. Da plaudert Vico Torriani von Eigenheim-Träumen, Uschi Glas gesteht, „flott, aber vorsichtig“ Auto zu fahren, und der schon gut betrunkene Frankenfeld zwingt Walter Giller dazu, die beste Bühnendarstellung eines Besoffenen abzugeben, die ich je sah.

Da zeigt weiter ein ungenannter Synchronisator, daß „Schweinchen Dick“ und „Jason King“, „Daktari“ und „Tarzan“ doch so schlecht nicht sein können, wie man allgemein annimmt, denn mit einigermaßen brauchbaren Texten unterlegt, geben die Bilder sogar den Hintergrund für einen werbewirksamen Sketch.

Vor allem unsere Anneliese Rothenberger. Was wäre das bundesdeutsche Show-Geschäft ohne sie, wie käme ein familiengerechtes und hochprozentige Einschaltquoten sicherndes Pantoffelkino zustande, wäre sie nicht, die Primadonna der sexfreien und unpolitischen, der sauberen TV-Unterhaltung im „Say-Cheese“ – Stil. Zumal sie doch nun auch noch als „gute Fee“ fungiert, und „jeder Mensch braucht ab und zu“ ein solches aus den himmlischen Höhen ins soziale Engagement einer 30 000-Mark-Abend-Gage hinabsteigendes Wesen, denn: „Liebe, Glück und Sonnenschein, die sollen deine Freunde sein.“

Und dreißig Millionen Lose wollen verkauft sein. Es genügt nicht, daß Weltreisen locken und Millionengewinne und Autos und Farbfernseher, und daß „jeder Gewinner anonym, jeder Gewinn steuerfrei“ bleibt – da müssen Stars her, die Reklametrommel will mit gekonntem Lächeln gerührt sein.

Denn ein paar Städte wollen ihre Stadien ausgebaut haben, ein paarmal muß Deutschland 1974 bei der Fußballweltmeisterschaft – erst zwei Jahre nach dem Münchner Olympia-Theater – den übrigen Ländern zeigen, was es heißt, eine der führenden Industrienationen der Welt zu sein. Um für dieses hohe Ziel die Millionen locker zu machen, darf sich kein Frankenfeld und kein Baumann, keine Heidi Kabel und keine Agnes Windeck, kein Will Glahé und kein Franz Grothe, kein Tony Marshall und kein Fritz Eckhardt und vor allem keine Anneliese Rothenberger zu schade sein, und wenn sie dabei noch so sehr unter ihr Niveau steigen und Texte über ihre Lippen bringen, die ihnen zu Hause die letzte noch verfügbare Schamröte ins Gesicht treiben müssen.

Sollte allerdings jemand von der Qualität dieser Show auf die Erfolgschancen der bundesdeutschen Teilnehmer bei der Weltmeisterschaft schließen wollen – vorausgesetzt, er hat das letzte Spiel der Nationalmannschaft nicht gesehen –: ich fürchte, er wird schleunigst versuchen, seine Nationalität zu wechseln oder seinen Fernseher zu verschenken. Heinz Josef Herbort