Von Wolfram Siebeck

Côte d’Azur, im März

Schon die Phönizier haben an dieser Küste Häuser gebaut. Dabei erfanden sie den winterfesten, zugluftfreien Steinbau. Leider haben sie ihr großartiges Geheimnis mit ins Grab genommen. Was heute hier aus Beton entsteht, ist, entgegen den Versicherungen der Bauunternehmer, nicht winterfest und, entgegen den Erwartungen der Bauherren, nicht zugluftfrei. Im Sommer, ja, da läßt sich hier leben; wenn man es fertig bringt, mit den hunderttausend anderen zu leben, die nichts anderes im Sinn haben, als genau das zu tun, was man selber gerade im Sinn hat: an einer ganz bestimmten Stelle im Meer zu baden, den Aperitif in einem ganz bestimmten Café zu trinken und in einem ganz bestimmten Restaurant zu essen.

Im Oktober, wenn die Herbststürme einsetzen, verlassen Hunderttausende hunderttausend kleine Ferienhäuser, und durch hunderttausend Haus- und Verandatüren heult der Wind mit Stärke hunderttausend. Das tut er bis Mai. Nur die paar Wintermuffel, die nicht unbedingt dabei sein wollen, wenn Gunther Sachs in der Bar des Palace Hotels in St. Moritz einen Handstand macht, laufen am Strand entlang und suchen ein windgeschütztes Fleckchen, wo sie sich mutig in die Sonne legen. Zwar blühen hier vorerst nur Mimosen; aber wer gerade erst den westfälischen Schneeverwehungen entronnen ist, dem können auch die Bahamas nicht tropischer erscheinen.

Es ist mir gelungen, das ungeheizte Haus gegen ein anderes einzutauschen, in das die Nachkommen der Phönizier eine Ölheizung eingebaut haben. Wenn ich wollte, könnte ich jede Nacht in einem anderen, leeren Haus schlafen. Der Hausverwalter, der auf seiner Einödvilla sitzt und daumendrehend die ihm anvertrauten Immobilien überwacht, ist dankbar für das bißchen Abwechslung, das ich ihm biete.

Weiter östlich, zwischen Cannes und Monte Carlo, ist es nicht so ruhig. Es ist nicht der Karneval allein, der Nizza so betriebsam macht. Hier haben die Reichen schon immer überwintert. Sie sind ein bißchen alt geworden inzwischen, aber gut erhalten und frisch gestrichen wie die Hotels, in denen sie früher Feste feierten. Jetzt sitzen sie auf den Bänken der Promenade des Anglais und drehen den Neubauten den Rücken zu, vor sich die Sonne und das blaue Meer, unter sich den Strand mit ein paar jungen Einheimischen im Badeanzug und auf den Knien das Buch von Fitzgerald, das ihnen in Erinnerung bringt, wie es früher hier war, als man bei dem Wort Nostalgia höchstens an ein Rennpferd dachte, auf das man achtlos ein Vermögen setzte. Wenn heute ein amerikanischer Millionenrentner im Negresco eine Flasche Mumm bestellt, irritiert das gleich den Dentisten aus Düsseldorf am Nebentisch: Noch eine Dollarabwertung, und die saufen das Wasser aus der Regenrinne, denkt er und nippt an seinem Whisky. Am Nachmittag fährt er nach Monte Carlo und setzt 20 Francs auf die Nummer 16. Am 16. hat er Geburtstag, und zweimal 16 macht 32; 32 Zähne hat der Mensch, Gott sei Dank, und wenn er die gezogen hat, wird er im kommenden Winter einen Fünfziger setzen.

Zufrieden kehrt er heim in seine Eigentumswohnung in Antibes. „Der Nächste bitte!“ sagt er zu seiner Sprechstundenhilfe. Die geht zum Eisschrank und bringt ihm einen neuen Whisky.