Von Heinz-Günter Kemmer

Was im Dezember vergangenen Jahres verkündet wurde und am 17. April Wirklichkeit wird, hat keinen der „Insider“ des Ruhrgebiets überrascht: Dieter Spethmann löst den aus Altersgründen ausscheidenden Hans-Günther Sohl auf dem Chefsessel der August-Thyssen-Hütte AG ab. Schon seit Jahren fand sich niemand mehr, der auf eine andere Lösung der Nachfolgefrage in Deutschlands größtem Stahlkonzern auch nur eine müde Mark gewettet hätte – nur die Beteiligten wollten nichts davon wissen.

Sohl wie Spethmann versichern heute glaubwürdig, daß dieses Thema sehr spät angeschnitten worden ist. Erst im letzten Jahr vor der offiziellen Entscheidung des Aufsichtsrats machte Sohl sein Angebot. Spethmann hat dafür volles Verständnis: „Herr Sohl hat sich seine Option solange wie möglich offengehalten. Ich hätte an seiner Stelle nicht anders gehandelt.“

Dennoch kann es keinen Zweifel, daran geben, daß für Spethmann eine Welt zusammengebrochen wäre, hätte ihn Sohl nicht als seinen Nachfolger inthronisiert. Und umgekehrt wäre für Sohl ein tiefer Schatten auf das letzte Jahr seiner Amtstätigkeit gefallen, wenn sich der Aufsichtsrat seinem Vorschlag widersetzt hätte. Die beiden Männer, die seit 1955 eng zusammenarbeiten, brauchten weder Vertrag noch Absprache zur Festlegung dessen, was ihnen vorschwebte.

Dieter Spethmann, der in der übernächsten Woche 47 Jahre alt wird, trat 1955 als persönlicher Assistent Sohls in die Dienste der ATH. Der promovierte Jurist paßte mit seinen Fachkenntnissen in die Landschaft. Sohl basteltedamals an der neuen Struktur des Thyssen-Konzerns, guter Rechtsrat war ihm teuer. Es spricht für Sohl, daß er den Juristen Spethmann nicht als Justitar der ATH verschliß, sondern ihn systematisch für verantwortliche Führungspositionen aufbaute.

Aber schon bevor Sohl sich seiner annahm, hatte Spethmann selbst die ersten Stufen der Karriere-Leiter gezimmert. Nach dem Abitur in Essen geht er zu Krupp in die Lehre. Aber diese Tätigkeit hat im Jahre 1943 für einen Siebzehnjährigen keinen Bestand – damals rief sehr bald das Vaterland. Aber das Glück steht ihm zur Seite. Er erlebt das Kriegsende als Fähnrich zur See in Narvik und drückt schon kurze Zeit darauf als Student der Rechte die Bänke der Kieler Universität.

Als Referendar siedelt er in seine Heimatstadt Essen über, verbringt einen Teil dieser Zeit bei der Gelsenkirchner Bergwerks-AG und landet nach der zweiten Staatsprüfung in der Praxis des Essener Rechtsanwalts Ewald Leveloh, den Entflechtung und Reentflechtung der Montanindustrie zum Millionär gemacht haben. Von Leveloh geht Spethmann wieder zur GBAG, er erwirbt sich schließlich erste Meriten, als er 1952 die Regelung der Auslandsschulden der ehemaligen Vereinigten Stahlwerke übernimmt.