Von Carl E. Buchalla

Balkanesischer als in Sofia geht es nirgendwo zu auf dem Balkan. Balkantourist nennt sich das staatliche bulgarische Reisebüro, ein sozialistischer Mammutkonzern, der vom Lenin-Platz aus alles organisiert, was direkt oder auch nur indirekt mit Tourismus zu tun hat. Wer auf sich hält, wohnt im Hotel Balkan; er läßt sich Balkan-Menüs servieren, die speziell für den Touristen zusammengestellt werden, und steckt sich nach dem Essen eine der meistgekauften Zigaretten Bulgariens an – Marke Balkan. Sogar die bulgarische Luftfahrtgesellschaft „Tabso“ wurde vor ein paar Jahren balkanisiert: Sie heißt jetzt Balkan-Air. Nur den Gebirgszug, der sich von Sofia aus in südöstlicher Richtung erstreckt, der Balkan-Halbinsel ihren Namen gab und in aller Welt als Balkan-Gebirge bekannt ist, nennen die Bulgaren anders: „Stara Planina“, altes Gebirge.

Eingebettet zwischen der Stara Planina und dem über 2000 Meter hohen Vitoscha-Gebirge, das die Kulisse dieser Stadt bildet, liegt die Hauptstadt der Volksrepublik Bulgarien. Die Berge sind es, denen Sofia sein angenehmes Klima verdankt. Mag es tagsüber noch so heiß gewesen sein – am Abend streicht eine kühle Brise von den Hängen des Vitoscha über die Stadt: das Abendessen in einem der vielen Gartenlokale wird zum Vergnügen, und nachts muß sich niemand schweißgebadet und schlaflos im Hotelbett wälzen.

Die vielen Parkanlagen, die sauber und gepflegt die Stadt durchziehen, machen Sofia zur grünsten Hauptstadt Südosteuropas. Die gute Luft verdankt Sofia aber auch dem geringen Autoverkehr. Die breiten Boulevards kennen keine rushhour, keine Verkehrsstauungen, keine Parkraumnot.

Wie Belgrad und Bukarest so ist auch Sofia weniger eine Touristen- als eine Transitstadt für den Urlaubsverkehr, der zur Küste strömt. Der Autofahrer aus dem Westen, der zur bulgarischen Schwarzmeerküste will, wird in der Regel über Jugoslawien einreisen, auf der sogenannten Transbalkan-Route, und den Grenzübergang Dimitrovgrad-Kalotina benutzen. Von Belgrad bis Sofia sind es 400 Kilometer.

Als typische Stadt des Transit-Tourismus hat Sofia vor allem im Sommer mit dem Bettenproblem zu kämpfen – das heißt, den Kampf ums Bett muß der Einzelreisende führen, der müde und verstaubt vor einem der Hotels ankommt und sich nichts sehnlicher wünscht als eine erfrischende Dusche. Meist geht es ihm dann freilich wie Meister Lampe in der Fabel vom Wettlauf zwischen Hase und Igel: Die organisierten Reisegruppen und Delegationen sind immer schon vor ihm da. Dem müden Gast wird bestenfalls ein Apartment angeboten – zu einem sündhaft hohen Preis. Dies liegt einerseits tatsächlich an dem latenten Bettenmangel, zum anderen aber an der Unsitte der meisten guten Hotels, dem Devisengast erst einmal das teuerste Zimmer anzubieten: Wenn er wirklich müde ist, wird er es schon nehmen. Erfahrene Balkanreisende behelfen sich mit dem Bakschisch-Trick: eine oder gar zwei Ein-Dollar-Noten in den Paß gelegt und unauffällig dem Chefportier zugeschoben wirken oftmals Wunder.