Von Hans Schueler

Der erste Zusammenstoß zweier Düsenverkehrsflugzeuge im überfüllten europäischen Luftraum gehört zu der Art von technologischen Katastrophen, die Fachleute zuweilen voraussagen können. Diese haben sie vorausgesagt, seit Jahren immer wieder, wie einen unabwendbaren Schicksalsschlag, von dem nur niemand wußte, wann, wo und wie er eintreffen werde. Noch wahrscheinlicher war nur die Kollision eines Airliners mit einer Militärmaschine wie 1971 in Japan; deshalb kamen auch sofort einschlägige Gerüchte im Zusammenhang mit dem Desaster von Nantes auf. Aber das Gesetz der Wahrscheinlichkeit überläßt die Priorität bei solch fatalen Alternativen gern dem Zufall.

Nun ist die Katastrophe freilich unter Bedingungen eingetreten, die einer vielleicht möglichen Aufklärung von Hergang und Ursache äußerst hinderlich sind. Flugzeugunfälle haben nur ganz selten einen einzigen Grund, und wenn, dann liegt er in einem schweren technischen Defekt der betroffenen Maschine; er scheidet hier aus. In aller Regel treffen mehrere Faktoren, sei es menschlicher oder technischer Art, zusammen, die sich in einem kritischen Augenblick akkumulieren und dann vom Piloten nicht mehr gemeistert werden können. Beim Unfall von Nantes tritt als sachfremder Faktor die Politik hinzu, deren Interessen und Implikationen über den Absturz hinauswirken und seine Ursachen verdunkeln.

Eine Machtprobe

Die Tatsache, daß sowohl die französische Regierung als auch die spanische Luftfahrtgesellschaft Spantax“, deren am Unfall beteiligte Maschine heil zu Boden kam, weniger als 24 Stunden nach dem Zusammenstoß den oder die Schuldigen zu kennen vorgaben – für die Franzosen ist es der spanische Pilot, für die Spanier der französische Radarlotse in Nantes –, läßt für die Arbeit der inzwischen eingesetzten Untersuchungskommission wenig hoffen. Sie sucht in einem Trümmerfeld, das viel weiter reicht als die von den Wrackteilen der abgestürzten DC 9 markierten Äcker an der Loiremündung.

Das französische Flugsicherungssystem war am Unfalltag nicht in Hochform. Vermutlich arbeitete es sogar unter seiner durchschnittlichen Leistung. Seit dem 24. Februar hatten militärische Fluglotsen die Kontrolle auch des zivilen Flugverkehrs im Luftraum über Frankreich übernommen, weil ihre beamteten Kollegen aus den Anflugkontrollen der Zivilflughäfen und den Bezirkskontrollstellen streikten.

Der Lotsenstreik stellte die Regierung kurz vor den Wahlen auf eine innenpolitische Machtprobe. Mit illegal streikenden Beamten wollte sie nicht verhandeln, die Einstellung des gesamten Flugverkehrs über Frankreich aber auch nicht hinnehmen, weil dies ein Eingeständnis ihrer Niederlage gewesen wäre. Mit dem Entschluß, den Streik durch den Einsatz von Soldaten zu unterlaufen, räumte die Regierung der Staatsautorität Vorrang vor der Sicherheit ein.