Von Horst Bieber

Ein argentinischer Geschäftsmann und sein britischer Partner blieben vor einem der zahllosen Wahlplakate stehen, mit denen auch das letzte Mauerstück in Buenos Aires beklebt ist. "Was die Peronisten alles zur Wahl stellen", staunte der Argentinier, "Leichen, halbe Leichen und Quasi-Leichen. Vor ihnen lächelten Evita Perón, Hector Cámpora und Juan Perón von der Wand herab und versprachen, "immer beim Volk" zu sein. Dem Briten war klar, daß Evita die Leiche sein mußte. Die halbe Leiche, so erfuhr er, sei Perón. Der Quasi-Tote gewann am vergangenen Sonntag die argentinischen Präsidentschaftswahlen.

Wider alle Erwartungen und gegen alle Hoffnungen der Militärjunta errang der Peronist Hector Cámpora schon im ersten Anlauf fast die absolute Mehrheit. Der Präsidenten-General Alejandro Lanusse warf das Handtuch: Cámpora, so erklärte er noch am Wahltag spätabends über Rundfunk und Fernsehen, sei "praktisch" der Sieger. Ihm werde er am 25. Mai die Amtsgeschäfte übertragen. Die in die höchsten Kommandostellen aufgerückte antiperonistische "Clique von Bestien", wie Perón sie nannte, zeigt kein Interesse, in einem zweiten Wahlgang noch einmal das Scheitern ihrer Erwartungen und ihrer Politik demonstriert zu bekommen.

Denn das Wählervotum richtete sich in erster Linie gegen das Militär. Acht Jahre nach der letzten Wahl, fast sieben Jahre nach dem Militärputsch stimmten rund neun Zehntel der 14 Millionen wahlberechtigten Argentinier gegen eine Regierung, die nichts erreicht und alles verspielt hatte: 64,3 Prozent Inflationsrate im vergangenen Jahr (die verordneten Lohnerhöhungen lagen bei 35 Prozent), zehn Prozent Arbeitslosigkeit, ein Haushaltsdefizit, das 1972 um 80 Prozent höher war als im Jahr davor, eine Auslandsverschuldung, die das Dreifache des jährlichen Außenhandelsvolumens ausmacht.

So eindeutig war die Absage, daß alle Pläne der Offiziere, künftig noch mitzumischen, zum Scheitern verurteilt sind. Angesichts der hohen Wahlbeteiligung mußten selbst die hartnäckigsten Militärs das Ergebnis als eindeutige Bekundung des Volkswillens akzeptieren. Lanusse hat mit den Wahlen Schleusen geöffnet; jetzt ist er in Gefahr, im lange zurückgestauten Wasser zu ertrinken. Das Offizierskorps selbst ist schon lange nicht mehr einheitlich antiperonistisch. Nun werden sich, so glauben die Peronisten, die Kommandeure durchsetzen, die das Militär aus seiner Verstrickung in die Politik lösen wollen. Die Politik der kommenden vier Jahre wird von den Peronisten bestimmt werden – ob von dem 63jährigen Cámpora oder dem 77jährigen Perón ist freilich ungewiß.

Viele meinen, es gebe da ohnehin keinen Unterschied. Denn der ehemalige Zahnarzt Cámpora, ein Peronist der ersten Stunde, galt schon immer als getreuer Paladin des gestürzten Diktators. Vor den Wahlen machte eine alte Anekdote wieder die Runde: Perón kommt aus seinem Arbeitszimmer und trifft wie üblich Cámpora wartend auf dem Flur. "Wie spät ist es, Cámpora?" Antwort: "Genau so spät, wie Sie wünschen."

Mit dem Wahlslogan "Cámpora an die Regierung, Perón an die Macht" hatte die Frente Justicialista de Liberación (Frejuli), die Koalition aus Peronisten, Frondizi-Anhängern, Volkskonservativen und zahlreichen kleineren Parteien, ihren eigenen Kandidaten zur Marionette, erklärt. Cämporas Nominierung war denn auch auf lauten Widerstand peronistischer Gruppen quer durch das ganze politische Spektrum gestoßen: Jeder andere – nur dieser nicht! Der Erfolg gibt Perón nachträglich recht.