Von Fabian V. Schlabrendorff

Wer war Ernst Niekisch? Die Älteren unter uns entsinnen sich seiner noch. Die junge Generation weiß nur selten etwas von ihm. Er war ein Einzelgänger und ist von uns gegangen, ohne daß seine Spur im Massenzeitalter einen Eindruck hinterlassen hat. Und doch war er eine gewaltige politische Persönlichkeit, wie sie Deutschland in der Zeit von 1920 bis 1960 nicht ihresgleichen gehabt hat.

Ein junger Göttinger Historiker hat nun Ernst Niekisch ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt:

Friedrich Kabermann: „Widerstand und Entscheidung eines deutschen Revolutionärs. Leben und Denken von Ernst Niekisch“; Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1973; 420 S., 36,– DM.

Dieses Buch ermuntert die alte Generation in Deutschland, sich ihrer Jugendzeit zu entsinnen, spornt die junge Generation an, sich vom Denken dieses Mannes faszinieren zu lassen.

Niekisch wurde 1889 – im selben Jahr wie Hitler – in Schlesien als Sohn eines Feilenhauers geboren. Als junger Mann bereitet er sich auf den Beruf des Volksschullehrers vor, leistet dann nur unwillig seine Militärzeit ab und wird im Ersten Weltkrieg wegen eines Augenleidens nur in der Heimat als Soldat verwendet. 1919 greift er zum erstenmal in die Politik ein. Als in München die Räterepublik ausgerufen wird, versucht Niekisch, zwischen den verschiedenen Richtungen in Bayern zu vermitteln, aber es mißlingt. Nachdem das Militär München erobert hat, wird Ernst Niekisch verhaftet und wegen Beihilfe zum Hochverrat zu zwei Jahren Festung verurteilt.

Während der Haftzeit wendet sich Niekisch von der Sozialdemokratie ab. Er wird Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, weil er die Weimarer Verfassung gering schätzt und hörbar erklärt, diese Verfassung werde von niemandem mit begeistertem Herzen und frischer Entschiedenheit verteidigt.