Die Spielzeugindustrie liefert immer noch überwiegend „geschlechtsspezifisches“ Spielzeug, in dem sich klar die zugrundeliegenden Rollenvorstellungen widerspiegeln.

Unter dem Motto „Alles für die Puppenmuitti“ wird beispielsweise ein ganzes Heer von Puppen, Kaufläden, Mini-Bügeleisen, Nähmaschinen angeboten, kurz, die ganze Pracht, die die erwachsene „Puppenmutti“ auch später in ihrer Starrolle „Hausfrau und Mutter“ als Requisiten handhaben soll.

Rechtzeitig werden schon hier die Bahnen abgesteckt, in denen sich das weibliche Wesen zu bewegen hat. Diese früh einsetzende Vorprogrammierung bewirkt, daß der Übergang vom Puppen- zum Kinderwagen, vom Mini-Herd zum Familienkochtopf reibungslos verläuft; außerdem verhindert sie wirkungsvoll, daß unerwünschte Seitenblicke in fremdes – das heißt männliches – Territorium rissen werden. Eine Berufsausbildung wird häufig als zweitrangig ingesehen, denn die „eigentliche“ Bestimmung der Frau ist es – zumindest einer leider weitverbreiteten Meinung nach – für Mann, Kinder und Haushalt dazusein. Darin hat sie ihre Erfüllung zu finden. Wenn sie eines Tages in ihrem „ureigensten“ Gebiet – Küche und Kinderzimmer – verödet ist, wenn ihre Persönlichkeit an Unterernährung eingegangen ist, dann wird man ihr bestenfalls Selbstlosigkeit und Aufopferung bescheinigen. Aber ist das wirklich genug? Hat die Frau nicht das Recht, ihre spezifischen persönlichen Fähigkeiten zu entwickeln, anstatt hinter dem Kochtopf langsam abzusterben?

Doch nicht nur das Mädchen, sondern auch der Junge wird in seiner Entfaltung durch tradierte Rollenschemata eingeengt. „Das erfreut ein Jungenherz“, erklärt kategorisch ein Prospekt und präsentiert eine Anhäufung von Baukästen, Eisenbahnen, Rennwagen und Go-carts. Im Jungen sollen technisches Verständnis, Spaß am Experimentieren und Konstruieren geweckt Werden. Zeigt er tatsächlich Interesse auf diesen Gebieten, und erbringt er später vielleicht sogar gute Leistungen in naturwissenschaftlichen Fächern, wird dieses Ergebnis dahingehend interpretiert, daß der Junge eben „von Natur aus“ besser abstrakt denken und technisch interessierter ist als das Mädchen, dem unterdessen hausfrauliche Qualitäten eingeschliffen werden...

Das Mädchen, das sich lieber mit Eisenbahnen und Baukästen beschäftigt, wird ebenso als Normabweichung empfunden – und eventuell mit Sanktionen belegt – wie der Junge, der es vorzieht, mit Puppen zu spielen. Dem Mädchen werden später Hindernisse in den Weg gelegt, wenn es sich beruflich qualifizieren will („Du heiratest ja doch!“) und gar nach Positionen strebt, die bisher fest in männlicher Hand waren. Der Junge steht unter dem permanenten Druck, kein „Versager“ zu sein und sich durchzusetzen, denn als „Familienvorstand“ und Alleinverdiener ist er später für den Unterhalt der Familie voll verantwortlich. Beide könnten sich in einer partnerschaftlichen, wirklich gleichberechtigten Beziehung besser entfalten. Aber wie sollen tradierte Rollenklischees abgebaut werden? Erst wenn die bisherige scharfe Trennung der „männlichen“ und „weiblichen“ Rollen aufgehoben wird, wenn also das Individuum nicht allein durch sein Geschlecht – ungeachtet seiner spezifischen Fähigkeiten – in eine der beiden Klassen eingeordnet wird, hat die Emanzipation von Mann und Frau eine Chance.

Evi Mertens, 20 Jahre