Geologie

Die mächtigsten Monumente früher menschlieberMaßarbeit ruhen wuchtig in der Wüste am unteren Nil. Seit 4500 Jahren gelten die Cheopspyramide, 137 Meter hoch, und die nur wenig kleinere benachbarte Chephrenpyramide als unverrückbare Präzisionsmarken der Vergangenheit.

Für die diffizilen Langzeitmessungen von Erdwissenschaftlern, die Zentimetergeschwindigkeiten pro Jahr (und weniger) registrieren müssen, scheinen die Pharaonengräber bei Gizeh geradezu Glücksfälle zu sein: Über 45 Jahrhunderte hinweg, ein eben interessanter geologischer Zeitraum, können Geophysiker hier mögliche Driftbewegungen der Erdkruste oder der Pole verfolgen. Nachdrücklich erinnerten jetzt der dänische Geophysiker N. Abrahamsen von der Universität Aarhus und sein schottischerKollege G. S. Pawley von der Universität Edinburgh in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science“ (2. März) an die Chance, an präzisen Überbleibseln früher Kulturen langsam ablaufende geologische Prozesse exakt vermessen zu können.

Schon 1940 registrierte der britische Archäologe Flinders Petrie, daß sechs Verlängerungslinien an den beiden großen Pyramiden des Cheops und Chephren nicht, wie eigentlich zu erwarten war, genau nach Norden laufen, sondern um durchschnittlich vier Bogenminuten (60 Bogenminuten = 1 Bogengrad) nach Westen versetzt sind. Andererseits aber irrten sich die altägyptischen Baumeister kaum, wenn sie rechte Winkel oder andere geometrische Konfigurationen in Stein ausführten. So liegt die Abweichung bei den Ost-West-Kanten der beiden Pyramiden, die nur aus dem rechten Winkel zu der Nord-Süd-Linie abgeleitet werden konnten, unter der Genauigkeitsgrenze des menschlichen Auges – weniger als 1,5 Bogenminuten.

Doch Petries Beobachtungen scheinen, so Abrahamsen und Pawley, „von Wissenschaftlern außerhalb der Archäologie übersehen worden zu sein“. Dabei sind die versetzten Pyramiden gerade für Geophysiker brauchbare Vergleichsmarken. Denn schließlich kann mit Sicherheit angenommen werden, daß die alten Ägypter beim Bau so großer Monumente nur einen einzigen, weit entfernten und dazu unbewegten Anhaltspunkt wählten – den „wahren Norden, da es keinen Weg gibt, einen Punkt außerhalb deswahren Nordens anzupeilen“ (Abrahamsen und Pawley).

Da Magnetmessungen mit Sicherheit damals nicht bekannt waren, mußten die Baumeister der Pharaonen den genauen Norden durch Sternbeobachtungen herausfinden. Da zu jener Zeit gerade die Wega, hellster Himmelskörper im Sternbild Leier, über dem, Nordpol stand, konnte die erforderliche genaue Peilung möglicherweise „in einer einzigen Nacht“ vorgenommen werden.

Trotz der wahrscheinlich sehr präzisen Peilung stehen die großen Pyramiden heute um vier Bogenminuten nach Westen versetzt. Petrie vermutete vor 30 Jahren, daß sich der Pol um eben die vier Bogenminuten verschoben haben müßte – und zwar entlang des 60. westlichen Längengrades.Tatsächlich wandert der Nordpol, wie äußerst genaue moderne Messungen ergeben haben, auf diesem Meridian. Aber die gemessenen0,0032 Bogensekunden pro Jahr ergeben in 4500Jahren nur 0,24 Bogenminuten – sehr viel weniger, als nach dem Stand der Pyramiden zu erwarten wäre (vier Bogenminuten entsprechen rund sechseinhalb Kilometer).