Von Eduard Neumaier

Bonn, im März

Das Kanzleramt“, so pflegt sein Chef Horst Graben zu sagen, „ist am besten, wenn man am wenigsten von ihm hört“. Demnach müßte es schon sehr schlimm um die Schaltzentrale der Bonner Macht stehen, denn von ihr ist gegenwärtig soviel zu hören wie zu Horst Ehmkes umtriebigsten Zeiten. Und was zu hören ist, klingt wenig harmonisch: Es knirscht, als sei Sand im Getriebe. Zumindest vorläufig sieht es nicht so aus, als ob dem Apparat des Kanzlers jener leichte Lauf gelänge, der ihm mit den Konstruktionsveränderungen nach dem 19. November zugedacht worden war.

Nachdem die Panne mit der zunächst gestrichenen, dann wieder beschlossenen Erstattung der Visa-Gebühren für Berliner Bürger passiert und dem Kanzleramt angelastet war, wurde sogleich die Frage aufgeworfen, ob dies auf Konstruktionsmängel oder auf natürliche Anfangsschwierigkeiten zurückzuführen sei. Daß dabei ausgerechnet der „Spiegel“ von nostalgischen Erinnerungen an den früheren Kanzleramtschef Horst Ehmke heimgesucht wurde, ist schon keine Pikanterie am Rande mehr; nicht zuletzt die beharrliche Kritik des Magazins an dem munter-vorlauten Ehmke hatte ja den Bundeskanzler mit dazu bewogen, die neue Konstruktion zu wählen, um das Amt aus dem Gerede zu bringen. Ob Brandt gut beraten war, an die Stelle eines einzigen, im Amt selbst unumschränkten Herrschers ein Dreier-Direktorium zu setzen, ist nach knapp zweimonatiger Erprobung schwer zu sagen – ein Defekt am Anlasser muß ja nicht etwas über die gesamte Qualität eines Autos aussagen.

Es ist freilich nicht von der Hand zu weisen, daß die Dreier-Lösung mehr Reibungsflächen schafft. Das Amt ist jetzt zwar formal klar gegliedert, jedoch ist dem Aufbau, der Funktionsverteilung und der Personalwahl eine gewisse Kühnheit nicht abzusprechen. An der Spitze der Amtshierarchie steht der Berliner Horst Grabert, ein Neuling im Bonner Geschäft. Als Nachfolger eines Ministers ist er beamteter Staatssekretär – wie seine Vorgänger zu Konrad Adenauers Zeiten. Graberts Stellvertreter im Amt ist ein Minister ohne Portefeuille, Egon Bahr, der, wie einst Ludger Westrick bei Ludwig Erhard, das Ohr des Bundeskanzlers hat. Der Dritte im Bunde ist Karl Ravens, Parlamentarischer Staatssekretär, politisch begabt, mit starkem Rückhalt in der SPD-Fraktion, der er seit zwölf Jahren angehört.

Alle drei Politiker verbindet eine Scheu vor zuviel Öffentlichkeit. Ähnlich sind sie sich auch in ihrer Introvertiertheit, die gut zu der mehr nach innen gewendeten Persönlichkeit Willy Brandts paßt, der offenkundig politische Windmaschinen und extreme Motoriker wie Horst Ehmke auf Dauer nicht um sich haben kann. Von Vorteil ist auch, daß sich die Fähigkeiten und Neigungen der drei Amts-Repräsentanten nicht überschneiden: Bahr ist außen- und deutschlandpolitisch versiert, Ravens ein fähiger Innenpolitiker und Grabert ein guter Administrator. Die drei Kanzlergehilfen haben auch gute persönliche Beziehungen zueinander: Grabert ist eine Entdeckung Egon Bahrs, Grabert und Ravens kennen sich seit Jahren, Ravens und Bahr stehen sich allerdings nicht ganz so nahe.

Unter solchen Bedingungen war es einfach, die Aufgaben zu verteilen. Grabert ist die Verwaltungsspitze, die nach dem Organisationsschema sogar stärker ist als in der früheren Konstruktion. Selbst die Vorlagen der Abteilung II (auswärtige und innerdeutsche Beziehungen, äußere Sicherheit) unter Carl-Werner Sanne gehen, bevor sie Egon Bahr erreichen, über Graberts Tisch, während sie im alten Schema erst nach Bahr zum Kanzleramtschef Ehmke liefen. Doch war dieser Ablauf nicht auf eine besondere Vertrauensstellung Bahrs zurückzuführen. Als beamteter Staatssekretär war Bahr unter Ehmke gewissermaßen funktionsbegünstigt. Auf dem ordentlichen Dienstweg war der Staatssekretär dem Minister vorgeschaltet. Jetzt ist er als Minister „ranghöher“, so daß Vorlagen seines Gebietes nun zunächst beim nachgeordneten Staatssekretär landen. Egon Bahr behält seine Zuständigkeit für Deutschland-, Außen- und sicherheitspolitische Fragen, Ravens pflegt die parlamentarischen Verbindungen des Kanzleramtes.