ZDF, Freitag, 9. März: „U.S. Love Story“ von Wolf gang Ebert

Ein richtig schickes Thema, Mann, dieser total durchorganisierte und kommerzialisierte Heiratsmarkt in Amerika, dieser „Supermarkt gelenkter Träume“: lauter irre komische, blöde, gefühlige und gefühlsbedürftige Johns und Marys auf der Suche nach dem großen Glück, „Kitschorgien auf Kredit“, Plastikträume für gepfefferte Preise. Der clevere, coole Autor machte sich an die zickige Sache ran und kriegte sie bravourös in den Griff, jawohl, er hatte das richtige Vokabular drauf und den kühlen abschätzenden Blick auch; sein Bericht war einfach super, war polit-, Ökonom- und soziokulturell.

Der Perfektionismus der amerikanischen Kontakt- und Heiratsindustrie ist wirklich haarsträubend und sicher äußerst reizvoll für ein Fernseh-Feature. Aber ein kleiner Teil der Szenen und Bilder, kurz eingeleitet und dann mit dem Originalton gezeigt, hätte für sich gesprochen: Ein junges Paar, das die alten Hochzeitsriten durch neue, genauso unsinnige ersetzt, der Junge, obwohl beide interviewt wurden, wie ein Wasserfall gewichtig redend, das Mädchen nur „Ich liebe ihn“ stammelnd und ergeben zu seinem Helden aufblickend; unbeschreiblich kitschige, bombastische Festhallen, wo täglich 25 Hochzeiten in zwei Schichten abrollen, wo „der schönste Tag im Leben der Frau“ als Statussymbol mit herausforderndem Blick auf Nachbarn und Kollegen zur Monumentalschau aufgemöbelt wird; Massenflitterwochen in Luxus-Wochenendhotels, Betten, Badewannen, Swimming-pools in Herzform, die Ausstattung wie parodierter Hollywood-Glamour der fünfziger Jahre, die Stimmung ein gespenstisch grinsender Versuch von 300 jungen Paaren, hier für ihr sauer verdientes Geld unbedingt sexy und happy zu sein; johlende, animierende Gruppenspiele der Jungvermählten unter Leitung eines Entertainers, tanzend pressen sie sich Luftballons zwischen die Hüften, klemmen sie zwischen die Schenkel, die Mädchen befingern quietschend die Hosen der Männer; Kontaktzentren für Ledige und Geschiedene, schrecklich dumme, leere, hilflose, aber tapfer lächelnde Gesichter, manche verstecken sich schamvoll vor der Kamera, andere nennen den Rummel einen würdelosen Fleischmarkt und kommen doch her.

Solche Bilder hätten gereicht, das Phänomen wäre hinreichend plausibel demonstriert worden. Statt dessen: ein hektischer, vergagter, zugequatschter Verschnitt; keine Szene, die durchgehalten, kein Interview, in dem nachgehakt, keine auf die Ursachen, Zwänge oder sozialen Implikationen zielende Aussage, der ehrlich und intensiv nachgegangen wurde; ein Kommentar vielmehr, der sich in einem salopp-schnoddrigen Sprachverschleiß förmlich aalte, der mit allen nur denkbaren Klischees gepflastert war. „Wenn die Herzen schmachten und die Tränen kullern, klingen die Kassen ... Privatleben statt Politik, Gefühl statt Aktion ... Paarungsindustrie ... Für harte Dollar werden sanfte Träume verkauft... Seelenkomfort... Elektronen-Amor ... Volltreffer im gelobten Liebesland...“

Das Feature war eine besonders geballte Ladung dieses Jargons, den das Fernsehen so liebt, weil er Ironie, Eloquenz, die überlegene Analyse und die komprimierte Charakterisierung simuliert. Doch wer so spricht, der drückt sich vor jeder Interpretation und Stellungnahme, der verhehlt nur schwer seine Menschenverachtung und zeigt, wie in diesem Fall, daß er der gezeigten Welt nicht allzu fern steht. Wolf Donner