Von Armin Ganser

Irgendwo in der Ferne, in Asien oder Südamerika, mag das ja passieren: Dem Frühstückstisch nähert sich ein Unbekannter und sagt: „Darf ich mich ein bißchen zu Ihnen setzen – ich habe schon lange kein Deutsch mehr gehört.“ Aber in Norditalien, genauer gesagt in Courmayeur, 220 Kilometer von Mailand, im Hotel Royal, erste Kategorie, internationales Publikum? Da geschah solches im Februar 1973. Der deutsche Gast, Computerfachmann aus dem Rheinland, hatte Heimweh. Er wollte mit uns reden.

Doch warum reisen so wenig Deutsche ins Aosta-Tal? Es liegt zu abseits, sagen die Reisebüros, drei Stunden Busfahrt vom Flughafen Mailand oder zehn Stunden Autoreise von München (800 Kilometer) sind unverkäuflich. Vor allem dann, wenn auf dem Anfahrtsweg ein Skiparadies wie die Dolomiten liegt. „Wir haben bisher um deutsche Gäste noch wenig geworben“, glauben die Leiter der Verkehrsämter.

Wie dem auch sei, da haben wir also wirklich einmal einen „Geheimtip“. Mit Ausnahme von Cervinia sind die meisten Orte in den Aosta-Tälern dem deutschen Wintersportpublikum tatsächlich unbekannt. Lohnt sich aber die weite Fahrt – auch im Vergleich zu den jenseits des Montblanc-Massivs liegenden französischen Super-Skistationen?

Courmayeur, das war einst das weltberühmte Bergsteigerdorf des Emile Rey, von dessen Ruhm noch heute das kleine Bergmuseum des Ortes kündet. Und das war im vorigen Jahrhundert ein Badeort mit heilsamen Quellen, um die sich heute niemand mehr kümmert. Erst 1970 begann der weiße Sport zu dominieren – erstmals wurden mehr Winter- als Sommerübernachtungen gezählt. Jetzt geht es steil aufwärts: Die Wintersaison 1972/73 wird gegenüber dem Vorjahr mit einem Rekordzuwachs der Übernachtungen von 40 Prozent abschließen.

Die Montblanc-Dependance hat Atmosphäre entwickelt – die Verschmelzung von kleinem dörflichem Ortskern mit einer Vielzahl neuer Hotels und Apartmenthäuser ist gelungeh. Moderne Boutiquen neben ländlichen Krämerläden, bunter Markt auf dem Parkplatz – und die Autos hat man wenigstens aus den schönsten Gassen verbannt. Der Ort – hier sind 50 Prozent der Gäste Nicht-Skifahrer – lockt mit Spazierwegen, einem Eisplatz und Sonnenterrassen auf den Bergstationen. Drei Langlaufpisten, die schönste durch Wald auf im Winter zugeschneiter Straße im Tal von Planpincieux, ermöglichen geruhsames Wandern abseits der Pisten.

Die Abfahrten liegen tausend Meter höher. Den Sprung schafft die neue Seilbahn „Val Veny“ mit 75 Höhenhungrigen an Bord in drei Minuten. Beschaulicher verläuft die Auffahrt in den bunten Gondeln, die fast mitten im Ort starten und über Dolonne zur Chresta Youla schweben. Auf den gemäßigt abfallenden Pisten hat auch der Anfänger Spaß.