Von Robert Lucas

London

Es war Abend, es regnete, und Premierminister Edward Heath fuhr vom Parlament zu einem Empfang in Downing Street. Das heißt: Er wollte fahren. Aber nach Gottes unerforschlichem Ratschluß konnte sein Wagen nicht einmal den Parlamentshof verlassen: Eine unbewegliche, undurchdringliche Masse von Autos füllte, Stoßfänger an Stoßfänger, Seite an Seite, die Straße. Verkehrsstockungen sind die großen Gleichmacher unserer Zeit. Wenn Automobile Immobile werden, halten sie den Regierungschef genauso in ihrer metallenen Umarmung fest wie den kleinsten Handelsreisenden.

Heath saß also frustriert und verdrossen im Fond seines Amtswagens und wartete. Es war bereits 18.30 Uhr – die Stunde, für die der Empfang festgesetzt war. Schließlich stieg er aus und ging die zweihundert Meter zu seiner Amtswohnung zu Fuß, entlang der regennassen Blechlandschaft, die trübselig Whitehall füllte. Als er Downing Street erreichte, war sein Ärger zu einem solchen Hitzegrad angestiegen, daß er unverzüglich in Scotland Yard nach den Ursachen der Verkehrsstockung anfragen ließ („Bedaure, Sir, Verkehrsdichte ziemlich normal für die rush hour, allerdings etwas verstärkt durch das schlechte Wetter und die Panne eines Lasters mit Anhänger am Nordende der Westminster Bridge“) und den Innenminister Robert Cirr beauftragte, die Verkehrsmisere als dringendes Problem zu behandeln. Selbst nach Ende des Empfangs war sein Zorn nicht verraucht, und er wies seinen Privatsekretär an, den Vorsitzenden der Groß-Londoner Stadtverwaltung, Sir Desmond Plummer, anzurufen. Dieser war, wie sich herausstellte, gerade in Tokio, wo er an einer Konferenz über Großstadtprobleme teilnahm. In London war es knapp nach Mitternacht, aber in Tokio hatte Plummer eben sein Frühstück beendet, als der Anruf durchkam: „Heute abend war das ganze Stadtzentrum von London zwei bis drei Stunden lang lahmgelegt“, wurde ihm vorwurfvoll mitgeteilt. „Der Premierminister möchte wissen, wann diese Übelstände endlich beseitigt werden.“ Sir Desmond antwortete trocken: „Sobald die Regierung uns die nötigen gesetzlichen Handhaben und die Geldmittel für den Bau des längst geplanten Autostraßennetzes zur Verfügung stellt.“

Auf der Tokioter Konferenz hatte man tagelang, ohne konkrete Resultate zu erzielen, über großstädtische Verkehrsprobleme debattiert. Als am selben Vormittag die Diskussion fortgesetzt wurde, erwähnte Plummer den Anruf aus London und löste damit bei den Delegierten stürmische Heiterkeit aus. John Lindsay, der Bürgermeister von New York, fiel, wie berichtet wird, vor Lachen fast vom Stuhl. Minobe, der Gouverneur von Tokio ... aber wir brauchen ja nicht zu sehr ins Detail zu gehen. Nachher besichtigten die Konferenzteilnehmer Tama, eine 28 Kilometer vom Stadtzentrum entfernte, nach dem Muster der englischen New Towns geplante (und mit denselben Kinderkrankheiten behaftete) Satellitenstadt. Wegen der Verstopfung der Tokioter Straßen mußten die Delegierten mittels Hubschraubern nach Tama befördert werden.

Zwei Monate nachher zeigten sich die Folgen des premierministeriellen Ärgers: Unter dem Vorsitz des Innenministers beschloß der hierfür zuständige Kabinettsausschuß, den 1969 von der Groß-Londoner Stadtverwaltung (Greater London Council) ausgearbeiteten Plan mit allerdings wesentlichen Kürzungen zu billigen. Das ursprüngliche GLC-Programm hatte drei konzentrische Ringstraßen vorgesehen, in die die Hauptströme der Autoflut geschleust werden sollen. Die Entscheidung des Ausschusses, die an das Gesamtkabinett weitergeleitet wurde, lautet nun: Der Bau des äußeren Ringes (Ringway 3), der die Stadtperipherie lose umgürten soll, wird vorläufig zurückgestellt. Der mittlere Ringway 2, der die Vororte verbinden sollte, wird vollständig fallengelassen. Nur der Bau des innersten Ringes (Ringway 1) soll sofort begonnen und innerhalb der nächsten zwanzig Jahre beendet werden, wobei die bereits bestehenden Autobahnen, die gegenwärtig nur an die Peripherie Londons führen, bis zu dieser Ringstraße verlängert werden sollen. Begründung: Nur der Innenring kann das eigentliche Stadtzentrum, das die Fläche einer großen Provinzstadt hat, wirksam entlasten.

Aber gerade Ringway 1 war bei der Bekanntgabe des ursprünglichen Greater-London-Council-Plans auf den heftigsten Widerstand gestoßen.