Itzehoe! Pinneberg

Der Sitzungssaal im Pinneberger Amtsgericht, in dem die Jugendschutzkammer des Amtsgerichts Itzehoe tagt, um einer Gutachterin aus Wedel den weiten Weg zu ersparen, ist noch leer. Zehn Minuten vor Beginn erscheint der Staatsanwalt. Er läßt mich – ungefragt – gleich wissen, wie er die Sache sieht: „Wenn’s heute schlimm kommt, wird er freigesprochen.“

Auch der Vorsitzende will sich Mühe geben, dieses Schlimme zu verhindern. Er hat den Verteidiger wissen lassen, er werde „bis zum Rest alle Möglichkeiten ausschöpfen“, um eine Verurteilung zu erreichen.

Die beiden Staatsdiener denken an die Staatskasse. Der angeklagte Türke Necip öztürk (31) befindet sich nämlich seit zehn Monaten in Untersuchungshaft. Wird er freigesprochen, hat er Anspruch auf Haftentschädigung und Verdienstausfall – und der Staat hat außerdem die Kosten für Verteidiger und Verfahren zu tragen.

Vor Beginn der Sitzung halten die beiden und der Verteidiger noch einen kleinen Plausch unter Kollegen: „Könnte man nicht wenigstens auf Vergewaltigung hinaus?“ – „Na, ja – und Unzucht mit einem Kind? Außerdem, abgesehen von Notzucht wäre da ja auch noch der Gesichtspunkt der Blutschande“ – „Also die Sache mit der Defloration – ich habe nicht die Absicht, anatomische Ausführungen zu machen von der Kerze bis zu Beate Uhse.“ Das versichert der Verteidiger, der damit herzhaftes Männergelächter erntet.

Der Angeklagte ist ein kleiner, schmächtiger Mann. Was die Anklage ihm zutraut, wäre für ihn höchst schmeichelhaft, handelte es sich nicht um den Vorwurf, der ihm schon runde dreihundert Tage U-Haft eingebracht hat.

Das Mädchen Semilia, die Hauptbelastungszeugin, hat nämlich die Statur der Bavaria – sie bringt gut dreißig Pfund mehr auf die Waage als Necip. Sie wird im Mai fünfzehn Jahre alt. Sie ist die Schwester der Ehefrau des Angeklagten und die Person, die in solchen Verfahren die Geschädigte heißt.