Die Neugliederung der DDR-Diözesen beunruhigt die deutschen Bischöfe

Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Was haltet ihr davon – quod vobis videtur?", diese Frage, schon immer mehr höflich-rituell als ernst gemeint, unterließ Paul VI. bei den jüngsten Kardinalserhebungen zum erstenmal. Denn er ist fest entschlossen, die kollegiale Mitsprache der Kardinäle und Bischöfe nicht zur Mitbestimmung ausufern zu lassen. Schon gar nicht möchte er seine Ostpolitik, die ganz pastoral der Existenzsicherung religiösen Lebens dient, durch nationale oder gar persönliche Komplexe hemmen lassen.

Anlaß zu solcher Festigkeit gab es gerade letzte Woche: Schrille Kritik ertönte aus dem deutschen Katholizismus – sowohl gegen die Absicht des Vatikans, solide Abmachungen mit der DDR anzustreben, wie auch gegen die vier Bischofsweihen in der Tschechoslowakei, die ersten legalen seit 25 Jahren, die Paul VI. ein "Anfangsergebnis" jahrelanger Verhandlungen nannte.

Bei genauerem Zusehen reduziert sich freilich der Anlaß für die Bedenken, die Kardinal Doepfner dem Papst auch schriftlich überreichte, auf bedächtige, schrittweise Konsequenzen, die der Vatikan aus der Ostpolitik Bonns zieht. Noch im März sollen drei in der DDR tätige Titularbischöfe (in Schwerin, Magdeburg und Erfurt), die bislang nur als Kommissäre für DDR-Teile westdeutscher Diözesen (Osnabrück, Paderborn und Fulda) eingesetzt waren, zu apostolischen Administratoren ernannt werden.

Ein Modus vivendi

Diesen rein kirchlichen ersten Schritt, der die Position dieser Bischöfe stärken kann, möchte der Vatikan nicht von politischen Abmachungen abhängig machen – auch nicht vom Grundvertrag. Erst "nach" dessen Ratifizierung jedoch soll der zweite Schritt folgen, die Neugliederung der DDR-Diözesen, zu denen auch Meißen, Görlitz und Berlin gehören. Westberlin bildet dabei noch einen schwer lösbaren Knoten. Darüber war in jenen Sondierungsgesprächen mit der DDR die Rede, die der päpstliche Nuntius letzten Herbst in Belgrad begann, die dann in Helsinki fortgesetzt wurden und am 14; Januar mit der Begegnung zwischen dem vatikanischen "Außenminister" Erzbischof Casaroli und dem SED-Politbüromitglied Lamberz in einer römischen Privat-Villa vorläufig abgeschlossen wurden.

Über einen dritten Schritt, die Entsendung eines apostolischen Delegaten oder Nuntius nach Ostberlin und eines DDR-Gesandten oder Botschafters zum Heiligen Stuhl, gab es noch keinerlei Gespräche. Wenn Ostberlin den Wunsch nach solchem Diplomatenaustausch offiziell vortragen sollte, wird es jedoch keine Absage erhalten. Allerdings wird der Vatikan dann gleichzeitig auf einem schriftlich fixierten "modus vivendi" bestehen, der der katholischen Kirche in der DDR nicht mehr, aber auch nicht weniger Freiheit verbürgt als sie gegenwärtig besitzt. Denn die Lage der 1,3 Millionen DDR-Katholiken und ihres Klerus ist – gemessen an der Religionspolitik des übrigen Ostblocks – ungewöhnlich günstig.

Die Seelsorge in der DDR ist ganz, die Religionslehre nahezu unbehindert. Die kirchlichen Finanzen sind (und bleiben auch infolge der staatlichen Westgeldbedürfnisse) gesichert. Der Ostberliner Kardinal Bengsch ist – im Unterschied sogar zu seinen polnischen Amtsbrüdern – nicht verpflichtet, staatliche Erlaubnis für Bischofsernennungen einzuholen. Pfarrstellen können gebildet, Priester nach Bedarf ohne behördliche Einmischung versetzt werden.

Gewiß, Bengsch und seine Bischöfe würden wohl lieber ohne Anwesenheit eines römischen Nuntius weiterregieren (ein frommer Wunsch, den schon ganze Generationen europäischer Bischöfe vergebens hegten!), aber die Position des DDR-Episkopats bliebe in jedem Fall so stark wie es sich zum Beispiel tschechoslowakische Bischöfe nicht einmal zu Dubčeks Zeit erträumten. Wer kann es da dem Vatikan verdenken, daß er jetzt diesem Besitzstand eine sichere, eigenständige Rechtsbasis zu schaffen sucht? Schließlich, so argumentieren Kurien-Juristen, hat die Bundesrepublik Souveränitätsansprüche in der DDR aufgegeben, wodurch sich der Geltungsbereich des alten Reichskonkordates auf ihr Hoheitsgebiet begrenzt. Da aber die DDR ohnehin nie Reichsnachfolger und damit Konkordatspartner sein wollte, gilt es nun, ein rechtliches Vakuum zu beseitigen.

So ungern westdeutsche Bischöfe solchen Schlüssen folgen (der Paderborner verliert immerhin die Hälfte seines Bistums, aber nicht die Finanzlast), das praktisch Notwendige sehen sie wohl ein. Worte, die ihnen die Welt letzte Woche zuschrieb ("Komplicenschaft mit einem Unrechtsregime") würden sie niemals gegen einen Papst richten. Daher konnten sie auch guten Gewissens den Welt-Bericht dementieren, wonach sie im "ernsten Konflikt" mit Rom seien. Freilich, daß der Vatikan dieses Dementi als Zustimmung quittieren konnte, empfanden sie als eine bittere Folge des publizistischen Bumerangs. Die bischöfliche Kritik, die an Formalien einhakt ("mangelhafte Konsultation, vorschnelle Prozedur") wurzelt nämlich letzten Endes in irrationalen Ängsten: Man möchte der vatikanischen Ostpolitik sowenig wie der Bonner Vorschub leisten, weil dies, so meint man, den deutschen Katholizismus innenpolitisch bedrohen könnte. Das klingt ganz so, als sei die, katholische Kirche noch wie einst im Dienste einer einzigen Partei und in Gefahr, als national unzuverlässig oder – schlimmer noch – kommunistenfreundlich verschrien zu werden.

Derlei Angstkomplexe machen selbst kluge Leute tatsachenblind. So hat Professor Roegele vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken letzte Woche im Rheinischen Merkur behauptet, der Vatikan habe "gleich nach der Unterzeichnung" des Polenvertrags (1970) noch vor dessen Ratifizierung die kirchliche Oder-Neiße-Regelung vorgenommen. In Wahrheit geschah das eineinhalb Jahre später, drei Wochen nach der Ratifizierung. Doch auf diese glatte Unwahrheit gründet Roegele eine Generalabrechnung mit der ganzen päpstlichen Ostpolitik bis hin zu den Bischofsweihen in der Tschechoslowakei, dieihm nur als "fauler Kompromiß" gelten.

Gerade das tschechoslowakische Beispiel zeigt jedoch das wahre Gesicht dieser Politik: "In der Form höflich, im Grundsatz fest und im Vorgehen klug" (Casaroli). Der Vatikan hat die Dubcek-Ära nicht zu kurzlebigen Erfolgen genutzt. Das hat ihm jetzt, da die Prager Kommunisten in äußerster ideologischer Verkrampfung ihre Kirchenpolitik auf den Stand der fünfziger Jahre zurückdrehen möchten, die Möglichkeit von Verhandlungen und von Notmaßnahmen eröffnet.

In der Zeit des Stalinismus weihte man im Untergrund Geheimbischöfe, die natürlich entdeckt wurden. Drei von ihnen leben noch heute – als Hilfsarbeiter, denen jede priesterliche Tätigkeit untersagt ist. Was hatten die Gläubigen davon? Schließlich waren zehn von zwölf Bistümern ohne Oberhirten.

Politik ohne Illusion

Dieser Auszehrungsprozeß ist jetzt wenigstens gebremst. Drei der vier neuen Bischöfe waren in der regierungsgelenkten Priesterbewegung tätig, doch Casaroli hat sich diese Männer sehr genau angesehen, ihre Motive und ihre Kirchentreue geprüft. Er weiß, daß nicht wenige Gläubige diesen Bischöfen mißtrauen. Deshalb hat er darauf bestanden, daß sie ihre politischen Ämter niederlegten.

Casaroli leugnet gar nicht, daß es gleichwohl Risiken gibt. Aber sind sie für die atheistischen Dogmatiker geringer? "Wir stellen stets dieFrage der Garantien und erwarten keine raschen Resultate", sagt er. Seine Kritiker wissen keine Alternative zu dieser illusionslosen Politik. Denn die Zeiten, als ein päpstlicher Nuntius Prag verließ, nur weil der Staatspräsident das Patronat der Hus-Gedenkfeiern übernommen hatte (1927), sind ebenso vorbei wie jene, als ein steriler vatikanischer Antikommunismus den Kommunisten Vorwände lieferte, um Bischöfe einzukerkern. Einem von ihnen, der in Hitlers und Stalins Gefängnissen saß, Stefan Trochta, hat der Papst jetzt die Kardinalswürde verliehen.