Von Dietmar Merten

Seit Wochen geben sich im Bonner Bildungsministerium Praktiker und Professoren, Kammerpräsidenten und Gewerkschaftsfunktionäre, Bildungspolitiker und Beamte die Türklinken in die Hand. Sie bemühen sich mit Eifer um die Erfüllung eines Auftrags, den Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung gegeben hatte: „Das Berufsbildungsgesetz muß neu gefaßt werden.“

Um den Bildungsweg der Zukunft zu realisieren, mußten das Arbeits- und das Wirtschaftsministerium schon jetzt ihre traditionellen Zuständigkeiten für die berufliche Ausbildung abtreten. Seit den letzten Februartagen basteln im umorganisierten Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft Beamte den Referentenentwurf für ein neugefaßtes Berufsbildungsgesetz zusammen. Das Nahziel definierte der Parlamentarische Staatssekretär Karl Fred Zander, gelernter Schlosser und damit einer, der das duale Ausbildungssystem alter Art selbst „erlitten“ hat: „Der Anteil der Schule muß zu Lasten der Betriebe vergrößert werden.“

Bei ihren Planungen setzen die Berufsbildungsbeamten und -politiker große Hoffnungen auf eine Institution, die sich seit gut zwei Jahren um die vernachlässigte Berufsbildungsforschung kümmert: Das Bundesinstitut für Berufsbildungsforschung (BBF) mit Sitz in Berlin. Der erste Präsident dieser Einrichtung, Professor Hans Joachim Rosenthal, versicherte damals bei seiner Amtseinführung, die Bundesrepublik befinde sich nun „im Übergang von einer reaktiven Phase zu einer aktiven Phase der Bildungspolitik“.

Nach diesen vielversprechenden Festworten erwartete man, daß nun bald ein frischer Wind von Berlin aus durch Kammerbüros, Bundes- und Landesministerien und in die Berufsschulen wehen würde. Doch zwei Jahre nach Gründung des BBF monierte der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT): „Die aus den bisherigen Veröffentlichungen des BBF sich abzeichnenden Entwicklungen sind in personeller wie in programmatischer Hinsicht nicht dazu geeignet, die Reform der Berufsausbildung in absehbarer Zeit voranzutreiben.“ Die Industrie- und Handelskammer Hamburg kritisierte gar, das Berliner Institut habe „seinen gesetzlichen Auftrag nicht erfüllt“.

Auch wer sich bei den Ziehvätern des BBF, den Bonner Ministerialen, nach Ergebnissen erkundigt, gewinnt einen ernüchternden Eindruck; zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Instituts klafft noch eine beträchtliche Lücke.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Das Berufsbildungsgesetz bescherte zum Beispiel dem BBF eine ausgeprägte Präsidialverfassung. Auf den gegenwärtigen Institutschef scheint diese Organisationsform nicht zugeschnitten zu sein. Vielen, die mit ihm zusammenarbeiten, scheint der im Institut herrschende Zustand mit dem Wort „Führungsschwäche“ nur milde umschrieben. Bisher gelang es jedenfalls nicht, die Führungsmannschaft zu einem zielstrebigen Kollegium zusammenzuschweißen.