Von Manfred Sack

Lange, bevor es fertig war, hatte das Ding seinen Namen. Es hieß „der Vierzylinder“, und genauso sieht es aus. Zwar fallen in der Unterhaltung mit seinem Erfinder, dem Wiener Architekten Karl Schwanzer, auch Bezeichnungen wie „Kleeblatthaus“ (nach dem vierblättrigen Grundriß) oder „Hängehaus“ (nach der Konstruktion). Doch der „Vierzylinder“ ist unschlagbar; denn er reflektiert ganz genau die Symboltrunkenheit, in die das hundert Meter hohe Gebäude am Münchener Olympiapark seine Betrachter stürzt: die Geschoßringe mit der silbern schimmernden Aluminiumhaut aus Japan sehen aus wie Kühlrippen, die Turmaufsätze wie Ventile, im Innern fahren Fahrstuhlkolben auf und ab, und das Museum daneben wäre ebenfalls sinnfällig mißdeutbar als Vergaser oder separierter Auspufftopf. Hatten die Bayerischen Motoren-Werke, als sie bei einer Anzahl von Architekten Entwürfe für ihr neues Verwaltungs-Hochhaus bestellten, womöglich solche Symbolik verlangt? Natürlich nicht. Professor Schwanzer, an derlei Fragen schon gewöhnt, antwortet mit der rhetorischen Frage: „Sollte ich dann für die Verwaltung einer Schuhfabrik einen Haus-Schuh bauen?“

Indessen stört ihn der Vierzylinder aus dem Volksmund gar nicht mehr, obwohl er an eine so gequält aufdringliche Symbolik tatsächlich niemals gedacht hat. Wohl aber drückt die Form dieses seit der Olympiade fassadenfertigen, gegen Ende dieses Monats nun vollendeten und auch bezogenen Verwaltungsgebäudes einen wichtigen Vorsatz des Österreichers aus, nämlich „Identität zu bauen“. Er hat etwas gegen „die Kiste“, gegen vordergründigen Utilitarismus, der Qualität allein nach den Kosten berechnet. Er ist überzeugt, daß „Gestalt ein wesentlicher Bestandteil der Aussage der Menschheit“ ist. Daß es mit der visuellen Umweltgestaltung hapert, beweist er mit dem nicht ganz geheuren Interesse, das zur Zeit dem Denkmalschutz entgegenschlägt.

Also: „Ich bin ein Vertreter der identifizierten Architektur.“ In die Umgangssprache übersetzt, heißt das, ein Gebäude zu entwerfen, das jeder, der es benutzt, auf Anhieb als das seine erkennt, das unverwechselbar ist und obendrein zum sinnfälligen Signum wird – etwas, das wichtig ist für jede Firma, die will, daß man sich von ihr „ein Bild machen“ kann. Die Whiskyfirma Seagram hätte einen weit weniger beachteten Leumund gehabt, wenn ihr Name nicht dank Mies van der Rohe und seinem immer noch schönsten Wolkenkratzer in New York in die Baugeschichte geweht worden wäre. Wer von BMW spricht, wird, sofern er auch nur einmal das metallen schimmernde Hochhaus gesehen hat, diese Firmen-Selbstdarstellung im Gedächtnis behalten – und umgekehrt sofort BMW assoziieren, wenn er das Gebäude sieht: ein Solitär mit dem technischen Glanz der Utopie, etwas einsam aufragend.

Als der Architekt das Haus entwarf, dachte er also weder an vier Zylinder noch an Motor. Zwar war Intuition im Spiel, selbstverständlich, aber sie wurde erst durch ganz andere Überlegungen in Gang gesetzt. Erstens, sagt Schwanzer, mußte das sich auf weiter Fläche streckende Automobilwerk, „ein amorphes Konglomerat von Industriebauten, einen visuellen Bezugspunkt erhalten. Zweitens verlangte die Stadt an dieser markanten Stelle am Mittleren Ring, in unmittelbarer Nachbarschaft der markanten Olympiabauten, einen originellen, mit der Umgebung harmonierenden, wenngleich spannungsvollen Kontrapunkt, kurzum, sie wollte etwas Besonderes haben. Beides deutet die städtebaulichen Überlegungen an: die Wirkung im Stadt-Organismus.

Drittens ging es um die Funktion im Gebäude, um seinen Grundriß. Doktor Schwanzer schlug dafür einen „Großraum, der keiner ist“, vor. Um den Vier-Röhren-Kern mit Fahrstühlen, Treppen, sanitären Räumen lagern sich vier Dreiviertelkreise. Die Vorteile teilen sich ziemlich eindeutig mit: selbst an trüben Tagen genügt Tageslicht; der stützenfreie Kleeblattgrundriß erlaubt variationsreiche Anordnung der Büros; die Wege sind kürzer als bei jeder rechteckigen Form, der längste mißt fünfzig Meter; der Großraum zeigt sich stets nur in Vierteln, in jedem sitzen bis zu dreißig Menschen, so viel wie in einer Schulklasse, „die einzige Gemeinschaft“, hebt Schwanzer hervor, „an die sich die meisten ein Leben lang erinnern“. Mir scheint, als seien die Voraussetzungen dafür vorhanden, daß sich „in diesem Großraum, der viel eher ein Team-Office ist“, so etwas wie ein „Milieugefühl“ entwickeln kann. Und die Variabilität, die die Proportionen dieses Grundrisses nahelegen, erlaubt sogar die Aufteilung in gut dimensionierte Einzelzimmer, etwa für den Vorstand im obersten Stockwerk.

Viertens ist die Gestalt wesentlich bestimmt durch die ungewöhnliche Art der Konstruktion: Das Haus steht nicht, es hängt. Und auch das ist nicht technischer Koketterie entsprungen, sondern einer Forderung: Das Gebäude mußte zu den Olympischen Spielen 1972 wenigstens so aussehen, als sei es fertig. Dafür waren nur genau 26 Monate Zeit. So vollzog sich das Bauen nach einem minuziösen Verfahren, einem Netzplan unterworfen, demzufolge viele verschiedene Arbeiten gleichzeitig verrichtet werden konnten. Und das geschah so: