Ich bin Schüler einer sogenannten „unmöglichen Klasse“, das bedeutet: täglich ein Tadel ins Klassenbuch, verzweifelte Lehrer und anderes mehr. Bei uns unterrichten auch junge Lehrer, und uns wird vorgeworfen, daß wir den guten Willen und die Freiheit, die wir bei diesen jungen Lehrern haben, schamlos ausnutzen, weil wir nicht aufmerksam sind und auf neuartige Lehrmethoden wie zum Beispiel Gruppenarbeit nicht eingehen. Dazu möchte ich folgendes sagen:

Jahrelang wurde uns vorgehalten, daß der Lehrer uns in jeder Beziehung überlegen ist. Er weiß alles, er teilt uns sein Fachwissen mit, wir müssen es kritiklos aufnehmen und lernen. Während des Unterrichts muß absolute Ruhe herrschen, Kaugummikauen ist verboten, und es wird als Gipfel der Unverschämtheit betrachtet, wenn man den Gruß – aufspringen, im Chor „Guten Morgen“ sagen, hinsetzen – verweigert. Wir sollen so wie der Lehrer werden: gebildet, ordentlich und höflich.

Nun kommt plötzlich ein Lehrer, der keinerlei Achtung oder Respekt verlangt, der uns ganz einfach etwas beibringen will, ohne traditionelle Spielregeln. Auf einmal sollen wir den Stoff selbst erarbeiten, auf einmal wird uns nicht mehr alles vorgekaut.

Diesen verschiedenen Erziehungsmethoden sind wir Tag für Tag ausgesetzt, wobei die zweite für uns völlig neu ist. Da sollen wir mit dem Lehrer auf gleicher Basis arbeiten, er ist nicht mehr als ein Kamerad, der uns sein Wissen vermittelt. Doch wer will es uns verübeln, daß wir die ungewohnte Freiheit ausnutzen und über die Stränge schlagen? Andererseits erkennen wir das autoritäre Lehrervorbild auch nicht mehr an, wir haben die Furcht davor verloren und können uns nicht mehr widerstandslos unterwerfen.

Der Gegensatz zwischen jungen und alten Lehrern an unseren Schulen ist so groß, die Lehrmethoden so verschieden, daß wir die eine verachten oder die andere nicht genug schätzen. Das sollte man bedenken, wenn immer wieder über die „Unmoral“ der Schüler hergezogen wird.

Werner Krauß, 15 Jahre