Im zweiten Wahlgang der französischen Parlamentswahlen hat die gaullistische Regierungskoalition entgegen verbreiteten Erwartungen die absolute Mehrheit behauptet. Allerdings verlor sie gegenüber 1968 knapp hundert Mandate. Die Kommunisten und Sozialisten konnten die Zahl ihrer Sitze beinahe verdoppeln (162 statt 87), doch reicht dieser Erfolg nicht aus, um die „massiven Forderungen“ der Arbeiter, die die zweitgrößte Gewerkschaft schon angekündigt hat, parlamentarisch durchzusetzen.

Mit 280 Mandaten haben die Gaullisten und ihre Verbündeten das Sicherheitspolster von 34 Sitzen über der absoluten Mehrheit der 490 Abgeordneten. Die Partei des verstorbenen Generals de Gaulle errang für sich allein 184 (1968: 273) Mandate.

Die Reformateurs, in den Tagen vor dem zweiten Wahlgang als Zünglein an der Waage apostrophiert, konnten sich mit 31 (15) Sitzen stark verbessern, sind aber für die Bildung und das Programm der neuen Regierung nicht mehr ausschlaggebend. Verwirrend für den Wähler war zuletzt der Streit ihrer beiden Parteiführer. Servan-Schreiber hatte den Gaullismus als die Hauptgefahr bezeichnet, während sein Parteifreund die entgegengesetzte Linke verfocht.

Das französische Wahlrecht begünstigt durch die Wahlkreiseinteilung die bürgerlichen Parteien. Die Wahlkreise auf dem Lande, wo konservativer gewählt wird, sind viel kleiner als in den Industriezentren. Der zweite Wahlgang gab all den Kandidaten eine Chance, die beim ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit, wenigstens aber zehn Prozent der Stimmen erhalten hatten.

Die Linke zeigte sich vom Wahlergebnis enttäuscht. „Das gemeinsame Programm hat nicht genügende mobilisierende Wirkung auf die Massen ausgeübt“, räumte der Sozialistenführer Rocad ein. Demgegenüber triumphierte Innenminister Marcellin: „Das Land hat die Institution der Freiheit gewählt.“ Dem Marxismus sei der Weg versperrt worden.

Die Gaullisten haben das Wahlergebnis als einen „Dämpfer“ verstanden, mit dem die Bevölkerung Neuerungen erzwingen will. Premierminister Messmer sagte im Fernsehen: „Ich kann hier und heute versichern, daß die Regierung entschlossen ist, die Erneuerung auszuführen.“ Um der Unzufriedenheit entgegenzukommen, will Staatspräsident Pompidou – wie aus seiner Umgebung verlautet – auch die Regierung umbilden.