Hannover

Bis Ende vergangenen Jahres war die „Kämmerei Döhren“ in der niedersächsischen Landeshauptstadt – im hannoverschen Volksmund „Döhrener Wolle“ genannt – allenfalls durch Fabrikbrände ins Gerede gekommen. Seit Dezember 1972 liefert sie jedoch auch den Wirtschaftsteilen der Tageszeitungen aktuelle Schlagzeilen. Aufgefallen war das Unternehmen zunächst dadurch, daß seine Aktien von 1750 Mark für das Tausendmarkstück auf 6500 Mark hochgeschnellt waren. Die Erwartungen der Spekulanten richteten sich dabei auf den Grundbesitz der Firma, deren wirtschaftliche Ertragsfähigkeit derartige Preise nicht gerechtfertigt hätte. Die „Kämmerei Döhren“ besaß 74 Hektar Land – Bauland vorwiegend, wie die Börsenjobber vermuteten.

Wie erwartet schloß die Fabrik die Tore, nachdem eine Aktionärsgruppe mehr als 75 Prozent des Aktienkapitals erworben hatte. Die Stadt Hannover verlor einen Steuerzahler mit hundertjähriger Tradition und gewann das Problem, was wohl mit dem Grundbesitz der „Döhrener Wolle“ geschehen solle. Allzu hochgespannte Erwartungen hatte Kämmerei-Aufsichtsrat Wolfgang Fontaine schon im Sommer dämpfen wollen. Die Hälfte der 74 Hektar lägen im Überschwemmungsgebiet der Leine, und von der anderen Hälfte seien 35 Prozent schon anderweitig genutzt.

Dennoch fand sich ein Käufer, der den gesamten Grundbesitz für 55 Millionen Mark erwarb. Die Neue Heimat Niedersachsen, gewerkschaftseigenes Wohnungsbauunternehmen, hatte das beste Angebot unterbreitet – um 28 Millionen zuviel, wie Hannovers Oberstadtdirektor Martin Neuffer in einem der Presse übergebenen Brief an die Neue Heimat rügte.

Zuvor war im Rathaus von Hannover ein loses Gespräch geführt worden zwischen Vertretern der Neuen Heimat und der Stadtverwaltung, bei dem es um die mögliche Nutzung des Kämmereigeländes gegangen war. „Hierbei hat es sich um ein allgemeines Informationsgespräch über die von der ‚Neuen Heimat‘ in Hannover geplanten Bauvorhaben gehandelt (z. B. Saline Badenstadt, Lahe usw.). Bei dieser Gelegenheit hat mich die Neue Heimat auch davon unterrichtet, daß sie an dem Erwerb des Grundstücks der Döhrener Wolle interessiert sei“, teilte Neuffer dem Vorsitzenden der CDU-Fraktion im hannoverschen Stadtparlament, Wilhelm Freckmann, mit. Freckmann hatte geargwöhnt, die Opposition sei bei der Information wieder einmal übergangen worden. „Neue Heimat“-Chef Horst Städter hatte nämlich in einem Zeitungsinterview den Eindruck erweckt, die Stadtverwaltung sei mit den Plänen seines Unternehmens längst einverstanden.

Auch an Städter adressierte Verwaltungschef Neuffer einen Brief, in dem er darauf verwies, daß nichts entschieden sei. Nur ein Drittel des Grundbesitzes der Döhrener Wolle sei als Bauland vorgesehen, und auf der Grundlage der heutigen Ausweisungen bewerte die Verwaltung den Grundbesitz mit rund 27 Millionen Mark. Neuffers Epistel schloß mit der Aufforderung: „Aus den vorgenannten Gründen bitte ich Sie dringend, bis zum Vorliegen einvernehmlicher Ergebnisse nicht weiterhin Ihre einseitigen Vorstellungen zum Umfang und zum Zeitpunkt einer Bebauung in Döhren in einer Weise bekannt zu geben, die den Eindruck einer Zustimmung der Stadt hervorruft.“

Städter reagierte gelassen. „Wir sind davon ausgegangen, daß der heutige Stand der baurechtlichen Ausweisung nicht der endgültige ist“, erklärte er. Die Neue Heimat strebe ein Gespräch mit der Verwaltung an, um die Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen. Im übrigen wisse gerade ein Gewerkschaftsunternehmen genau, welche infrastrukturellen Folgemaßnahmen der Bau eines neuen Stadtteils notwendig mache. Es sei der Bau von Schulen und Kindergärten, Spielplätzen und Freizeitstätten vorgesehen. Ja, man plane sogar die Ansiedlung von Verwaltungen, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Städters Streit mit der Stadtverwaltung ist nicht die erste Differenz zwischen der Neuen Heimat und den niedersächsischen Behörden. Seit das Unternehmen 1967 einen Betreuungsvertrag für den Ausbau der Hochschulen Göttingen, Hannover und Braunschweig übernommen hat, schwelt eine Auseinandersetzung über die Zusage fester Preise, die die Neue Heimat nach Ansicht der niedersächsischen Hochschulbaugesellschaft gegeben hat – was das Unternehmen allerdings bestreitet. Wie weit man sich hier nähergekommen ist, vermag niemand zu sagen. Die Akte „Neue Heimat“ rotiert im Finanzministerium als „Geheime Kommandosache“. Ulrich Eggert