Die Intellektuellen nehmen die Welt gleich zweimal in Anspruch: so wie sie ist und so wie sie sein sollte. Von der Welt, wie sie ist, leben sie, von der Welt, wie sie sein sollte, nehmen sie die Maßstäbe, die Welt zu verurteilen, von der sie leben, und indem sie sich schuldig fühlen, sprechen sie sich frei, ich kenne den Schwindel: Das Pack ist für den Machtkampf ungeeignet. Es schwelgt in seinem Schuldbewußtsein. Es fühlt sich sogar für die Erschaffung der Welt verantwortlich, doch sein Schuldbewußtsein ist nur eingebildet, ein Luxus, den es sich leistet, um sich vor jeder Tat zu drücken.

Friedrich Dürrenmatt

(aus dem neuen Stück „Der Mitmacher“)

Urheberrecht in der UdSSR

Auf einer Pressekonferenz, die am letzten Wochenende in Moskau stattfand, erläuterte Boris Stukalin, der Vorsitzende des Staatskomitees für das Verlagswesen, die Konsequenzen aus dem Beitritt der UdSSR zum Welturheberrechtsabkommen, der am 27. Mai dieses Jahres wirksam wird. Auf die kniffligsten Fragen allerdings gab es noch keine Antwort, oder nur die Andeutung einer Antwort. Fest steht, daß die UdSSR mit dem Beitritt keine rückwirkenden Verpflichtungen übernimmt: Ansprüche ausländischer Urheber aus der Zeit der legalen Piraterie werden nicht befriedigt. Ob westliche Autoren künftig ihre Honorare in harter Währung ausgezahlt bekommen, soll den jeweiligen Devisenbestimmungen und den nunmehr obligatorischen Einzelverträgen vorbehalten bleiben. Angekündigt ist eine gesetzliche Regelung für die Übertragung sowjetischer Urheberrechte an ausländische Institutionen, eventuell die Einrichtung einer Art zentraler Agentur; sie könnte sich als Handhabe gegen Autoren erweisen; die in der UdSSR nicht veröffentlichen dürfen und deswegen mit ihren Publikationen freiwillig, unfreiwillig oder mit gespielter Unfreiwilligkeit ins Westliche Ausland ausweichen. Daß sie keine West-Honorare erhalten dürfen, wurde bereits klargemacht.

Der Sieg der Witwe

Der dreizehn Jahre währende Dauerclinch zwischen der achtzigjährigen Malerwitwe Nina Kandinsky und dem Verleger Lothar-Günther Buchheim endete mit dem Sieg der Witwe. In letzter Instanz stellte der Bundesgerichtshof in Karlsruhe jetzt fest, daß Buchheim sein 1959 erschienenes Buch „Der blaue Reiter und die neue Künstlervereinigung München“, das neben Werken anderer Maler 69 Kandinsky-Reproduktionen enthielt, nicht neu auflegen darf und die Klischees vernichten muß. Obwohl Nina Kandinsky, Besitzerin der Urheberrechte, Buchheim die Reproduktion von Anfang an nicht genehmigt hatte, hatte Buchheim das Recht auf „Zitatfreiheit bei Kunstbüchern“ für seine Edition geltend gemacht. Die Richter urteilten jedoch, daß er die Grenzen dieser Freiheit mit insgesamt 69 Abbildungen überschritten habe. Unbeantwortet blieb die Frage, ob es nicht ein legitimes Interesse der Öffentlichkeit an dem Werk eines Mannes gibt, der nicht in erster Linie Ehemann, sondern Künstler war. Völlig abgeschlossen ist die Affäre indessen wohl noch nicht: Buchheim will sein Buch nun im Ausland verlegen.